Heuchlerei in der Fußball-Führung

Michel Platini fordert Gianni Infantinos Rücktritt und wirft dem FIFA-Präsidenten vor, die Regeln für private Gewinne und politische Gefälligkeiten geopfert zu haben.

Pot Calling the Kettle Black in Football Governance

Wenn ein erfahrener Fußballfunktionär dem anderen vorwirft, Geld und Macht über den Sport selbst zu stellen, mag man den Beobachtern der globalen Sportverwaltung ein leichtes Stirnrunzeln verzeihen. Michel Platini, der ehemalige Chef des europäischen Fußballverbands UEFA, hat den Rücktritt von FIFA-Präsident Gianni Infantino formell gefordert. Der Kern seiner Anschuldigung ist so unkompliziert wie vernichtend: Der Hüter der globalen Fußballregeln hat diese immer dann aufgegeben, wenn kommerzielle Interessen oder politische Zweckmäßigkeit es verlangten.

Platinis Anklageschrift konzentriert sich stark auf die jüngste Weltmeisterschaft in Nordamerika, bei der traditionelle Vorschriften merklich flexibel erschienen. Vierminütige Trinkpausen wurden routinemäßig in Werbeplätze für die übertragenden Sender umfunktioniert, während die Halbzeitpause während des Finales zu einem dreißigminütigen Unterhaltungsspektakel ausgedehnt wurde, was die gesetzliche Grenze verdoppelte. Noch dreister war die Entscheidung der FIFA, ein Platzverbot für den amerikanischen Stürmer Folarin Balogun nach einem direkten Telefonanruf von US-Präsident Donald Trump an Infantino auszusetzen.

Die Unzufriedenheit geht weit über persönliche Rivalitäten hinaus. Infantinos Versuch, über seine Initiative FIFA Forward Enterprises privates Kapital einzuführen, hat zu einem offenen Aufstand unter den großen regionalen Verbänden geführt. Die UEFA hat dem FIFA-Chef formell kriminelles Missmanagement in Bezug auf private Finanzierungsprogramme vorgeworfen und mit einem Boykott internationaler Turniere gedroht, falls der Plan nicht aufgegeben wird. Regionale Verbände wie CONCACAF und die Asian Football Confederation haben sich der europäischen Führung angeschlossen, um vor der für März angesetzten Präsidentschaftswahl der FIFA verstärkten Druck auszuüben.

Anstatt sich auf interne Sportgerichte zu verlassen, bringt Platini seine Beschwerde vor die Gerichte in Frankreich. Er hat rechtliche Schritte gegen Infantino sowie die ehemaligen FIFA-Funktionäre Marco Villiger und Domenico Scala eingeleitet und wirft ihnen eine kriminelle Verschwörung vor, die falsche Anschuldigungen und Einflussnahme zur Blockierung seiner eigenen Präsidentschaftsambitionen im Jahr 2015 beinhaltete. Diese Zeit markierte Platinis Machtverlust aufgrund einer angeblich illegalen Zahlung von zwei Millionen Dollar von Sepp Blatter, eine Angelegenheit, von der Platini schließlich im Jahr 2025 freigesprochen wurde, nachdem Infantino bereits 2016 den Spitzenposten gesichert hatte.

Ob die juristische Offensive vor französischen Gerichten Infantinos Administration destabilisieren wird, bleibt eine offene Frage. Doch die Episode enthüllt eine größere Realität innerhalb globaler Sportkartelle: Wenn Institutionen keine transparente Rechenschaftspflicht haben und sich hinter verschlossenen Türen selbst regulieren, kommen Reformen selten aus innerer Überzeugung. Sie erfolgen nur, wenn rivalisierende Fraktionen ihre finanziellen und politischen Streitigkeiten vor öffentliche Gerichte bringen.

Verfasst von Christiane Hofreiter

christiane.hofreiter@alpineweekly.com