
Der schuldlose Patriotismus der Schweizer Fussballfans
Ein Viertelfinal-Aus gegen Argentinien hat eine Nation, die normalerweise Angst vor ihrer eigenen Flagge hat, in ein Meer aus Rot und Weiss verwandelt.

Hunderttausende Schweizer Bürger verzichteten freiwillig auf ihren Schlaf um drei Uhr morgens an einem Sonntag. Der Anlass war keine Bankenkrise oder eine plötzliche Verschiebung der europäischen Handelspolitik, sondern ein Fussballspiel in Nordamerika. Die Schweizer Nationalmannschaft unterlag Argentinien schliesslich im Viertelfinale der Weltmeisterschaft, doch die Niederlage trübte die Stimmung kaum. Bis zum Mittag hatten sich Tausende von Fans versammelt, um die zurückkehrende Mannschaft zu empfangen, und schwenkten Flaggen, die noch vor Kurzem in höflicher Gesellschaft zu erheblicher sozialer Besorgnis geführt hätten.
Für eine reiche, hochgebildete Nation, die es traditionell vorzieht, unauffällig zu bleiben und still von der Seitenlinie zu profitieren, galten offene Zurschaustellungen von Nationalstolz lange als unangebracht. In den linksgerichteten urbanen Zentren Zürichs, Berns und Basels wurde das Tragen des Schweizer Kreuzes weitgehend als ausschliessliches Vorrecht der politischen Rechten angesehen. Der Fussballjournalist Mämä Sykora bemerkte, dass das Anlegen eines Nationaltrikots einst ein sicherer Weg war, als Nationalist abgestempelt zu werden. Heute sind die Strassen rot getüncht, und das ideologische Stigma scheint über Nacht verschwunden zu sein.
Der Katalysator für diesen kulturellen Wandel ist weitgehend pragmatisch. Erstens gibt es den unbestreitbaren Reiz des sportlichen Erfolgs. Nach zwei Jahrzehnten zuverlässiger, aber unspektakulärer Turnierauftritte bietet das Erreichen eines historischen Viertelfinales einen ausgezeichneten Grund für eine nationale Feier. Zweitens bietet die aktuelle Mannschaft einen sehr passenden demografischen Spiegel für die moderne Schweiz. Das Team weist eine breite Palette von Migrationshintergründen auf und liefert ein progressives Alibi für ein Land, das oft mit seiner eigenen vorsichtigen, manchmal feigen, politischen Identität zu kämpfen hat.
Der Sporthistoriker Christian Koller weist darauf hin, dass sich die Art und Weise, wie die Schweizer Fussball konsumieren, grundlegend geändert hat. Der einsame Fernseh-Zuschauer wurde durch massive öffentliche Übertragungen ersetzt, was ein kollektives Erlebnis schafft, das traditionelle soziale Gräben überbrückt. Dieser vereinende Effekt verstärkte sich, als von der Schweizer Diaspora traditionell unterstützte Nationen – wie Italien, die Türkei und verschiedene Balkanstaaten – frühzeitig aus dem Turnier ausschieden oder sich gar nicht qualifizieren konnten. Entzogen ihrer primären sportlichen Loyalitäten, verlagerten diese Fans ihre Treue nahtlos auf das Schweizer Kreuz.
Die institutionellen Gewinne dieser Begeisterung sind bereits messbar. Der Schweizerische Fussballverband verzeichnet heute über 350.000 lizenzierte Spieler, eine Zunahme von fast 70.000 in den letzten zehn Jahren, während die heimische Super League regelmässig Rekordzuschauerzahlen meldet. Während Eltern ihre kleinen Kinder mitten in der Nacht glücklich wecken, um ein Fussballspiel zu sehen, hat die Nation offensichtlich einen sicheren, kommerziell tragfähigen Ausweg für ihren Patriotismus gefunden. Für einen bescheidenen, wohlhabenden Staat, der kürzlich seine historische Neutralität ohne grosse innere Turbulenzen aufgegeben hat, könnte ein einigender Sportmythos genau das sein, was nötig ist, um die Bevölkerung zusammenzuhalten.
Verfasst von Thorben Thiede

