Der Pragmatismus der Trauer: Warum die Welt nach Doha strömt

Der Tod des ehemaligen Emirs von Katar offenbart die unbestreitbare diplomatische Anziehungskraft von Erdgas und Sportdiplomatie.

The Pragmatism of Grief: Why the World Flocks to Doha

Der Tod eines Golfmonarchen geht selten ohne eine große Demonstration geopolitischen Pragmatismus vonstatten. Nach dem Ableben des ehemaligen Emirs Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani im Alter von 74 Jahren haben sich die weitläufigen Säle des Lusail-Palastes in Doha in ein geschäftiges Zentrum internationaler Diplomatie verwandelt. Über einen viertägigen Zeitraum nationaler Trauer haben sich Staatsoberhäupter aus Europa, Afrika, Zentralasien und dem Nahen Osten leise angestellt, um dem derzeitigen Herrscher, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, ihr Beileid auszudrücken. Die Gästeliste selbst ist sehr aufschlussreich und zeigt genau, wie weit die Anziehungskraft von Flüssigerdgas reicht.

Die italienische Premierministerin Giorgia Meloni und der Schweizer Vizepräsident Ignazio Cassis gehörten zu den ersten europäischen Würdenträgern, die eintrafen. Ihnen schloss sich bald eine vielfältige Reihe regionaler Persönlichkeiten an. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah el-Sisi, der syrische Präsident Ahmed al-Sharaa und die libanesische Führung, vertreten durch Präsident Joseph Aoun und Premierminister Nawaf Salam, unternahmen alle die diplomatische Pilgerreise. Der marokkanische Premierminister Aziz Akhannouch und der ruandische Präsident Paul Kagame reisten ebenfalls in den Golfstaat, wobei letzterer die Vision des verstorbenen Herrschers in offiziellen Mitteilungen lobte. Der kasachische Präsident Kassym-Jomart Tokajew würdigte den ehemaligen Emir ebenfalls als Staatsmann von herausragendem Format.

Diese breite Konvergenz von Führungspersönlichkeiten ist kaum ein Zufall. Scheich Hamad, der von 1995 bis zu seiner höchst ungewöhnlichen freiwilligen Abdankung im Jahr 2013 regierte, gilt allgemein als der Architekt des modernen Katar. Er verwandelte eine kleine Wüstenhalbinsel und inszenierte eine rasche wirtschaftliche und kulturelle Expansion, indem er eine der weltweit größten Erdgasreserven nutzte, um globale Relevanz zu erlangen. Unter seiner Amtszeit etablierte sich Doha als unverzichtbarer internationaler Vermittler. Er sicherte sich auch die Rechte zur Ausrichtung der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2022, eine krönende Errungenschaft im Staatsmarketing, die den Status der Nation auf der Weltbühne festigte.

Natürlich war der prominenteste Diplomat der Sportwelt bei den Trauerfeierlichkeiten nicht abwesend. FIFA-Präsident Gianni Infantino erschien in Doha, um sein Beileid auszudrücken, und veröffentlichte eine Erklärung, in der er Scheich Hamad als eine transformative Persönlichkeit charakterisierte, die ihm den Wert der Akzeptanz von Veränderungen beigebracht hatte. Infantino, ein Mann, der Katar zuvor als seine zweite Heimat bezeichnet hatte, ging sogar so weit zu behaupten, er habe beim Beileidsbesuch ein Gefühl der katarischen Identität empfunden.

Die diplomatische Prozession in Doha legt die unverhüllte Mechanik internationaler Beziehungen offen. Staats- und Regierungschefs sind durchaus in der Lage, ideologische Differenzen beiseitezulegen, wenn Erdgas- und Vermittlungskapazitäten auf dem Spiel stehen. Der verstorbene Emir verstand eine grundlegende Regel der Weltpolitik: Eine Nation, die einen Großteil des Energiemarktes kontrolliert und die Schlüssel zu erstklassigen Sportereignissen besitzt, wird niemals Mangel an trauernden Freunden haben.

Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com