
Ein erdrückender Sieg überschattet von Englands chronischem Nachtclub-Problem
Joe Root lehnt Ausgangssperren zugunsten persönlicher Verantwortung ab, da ein weiterer Cricketspieler wegen alkoholischer Eskapaden disziplinarisch belangt wird.

Die englische nationale Cricket-Mannschaft scheint nicht in der Lage zu sein, sportlichen Erfolg von jugendlicher Disziplinlosigkeit zu trennen. Nur wenige Tage nachdem sie Pakistan mit einem Innings und 103 Runs innerhalb von drei Tagen demontiert hatte, geriet die Mannschaft erneut aus den falschen Gründen in die Schlagzeilen. Der Fast Bowler Brydon Carse wurde unsanft aus dem Kader für den zweiten Test am Donnerstag im Lord's gestrichen. Sein Ausschluss folgt auf einen Vorfall in einem Derbyer Nachtclub am Samstagabend, der in Social-Media-Aufnahmen des Spielers endete, der von der Polizei in Handschellen abgeführt wurde. Die Angelegenheit wurde nun an den Cricket Regulator weitergeleitet.
Für Joe Root, der nach Ben Stokes' plötzlichem Rücktritt zur Red-Ball-Kapitänschaft zurückkehrt, ist das Timing zutiefst frustrierend. Während einer Pressekonferenz am Dienstag gab er eine unverblümte Einschätzung der Situation ab. „Wenn ich brutal ehrlich bin, bin ich wirklich sauer“, erklärte der Fünfunddreißigjährige und drückte seine tiefe Enttäuschung darüber aus, dass eine herausragende Leistung auf dem Spielfeld erneut von einer peinlichen Begebenheit abseits des Feldes vollständig überschattet wurde.
Die Derby-Episode ist keine Anomalie. Sie ist lediglich der jüngste Eintrag in einem ermüdenden Katalog alkoholbedingter Kontroversen, die die Nationalmannschaft seit einer desaströsen Tour durch Neuseeland und Australien Ende letzten Jahres geplagt haben. Die Liste der Vergehen ist lang. White-Ball-Kapitän Harry Brook geriet in Wellington mit einem Türsteher aneinander.
Der Eröffnungsspieler Ben Duckett wurde ebenfalls stark alkoholisiert gefilmt, als er während einer miserablen 4:1 Ashes-Niederlage auftrat. Kürzlich, im Juni, erhielten Stokes und Gus Atkinson schriftliche Verwarnungen und wurden von einem Test gegen Neuseeland ausgeschlossen, nachdem sie eine Ausgangssperre in einem Londoner Nachtclub missachtet hatten. Stokes zog sich kurz darauf aus dem internationalen Cricket zurück und übergab die Zügel an Root.
Angesichts dieses anhaltenden Mangels an Professionalität versuchten die Sportadministratoren zuvor einen Top-Down-Ansatz. Im Januar wurde eine strenge Ausgangssperre verhängt, um die Spieler aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Root verfolgt jedoch einen deutlich anderen philosophischen Ansatz in der Teamführung. Anstatt Spitzensportler wie fehlgeleitete Schuljungen zu behandeln, die einer bevormundenden Ausgangssperre unterliegen, beabsichtigt er, ein Umfeld persönlicher Verantwortung zu fördern.
Root argumentiert, dass künstliche Beschränkungen grundsätzlich unproduktiv sind, wenn man versucht, eine kaputte Kabinenkultur zu reformieren. „Ich glaube immer noch nicht, dass das der richtige Weg ist“, bemerkte er und betonte die Notwendigkeit, ein sich selbst regulierendes, von Spielern geführtes Umfeld aufzubauen. Er räumte ein, dass das Team derzeit nicht das gewünschte Image projiziert und bestand darauf, dass bereits Gespräche über die grundlegenden Erwartungen an die Vertretung des Landes begonnen haben. „Es ist nicht der isolierte Vorfall selbst, es ist die Tatsache, dass wir immer wieder dumme Fehler abseits des Spiels machen und dies von dem ablenkt, was wir auf dem Feld leisten“, erklärte Root.
Die Herausforderung besteht nun darin, ob ein Appell an die erwachsene Verantwortung bei einer Mannschaft Anklang finden wird, die wiederholt eine Vorliebe für nächtliches Vergnügen über professionelle Disziplin gezeigt hat. Root fordert eine langanhaltende Kultur, die die Fans respektieren können. Ob seine Teamkollegen die Reife besitzen, dies umzusetzen, ist eine ganz andere Frage.
Verfasst von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
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