Die Wasserkammer Europas trocknet aus: Zürichsee erreicht Rekordtief, da Dürre in den sechsten Monat geht

Der Zürichsee ist auf den tiefsten Stand seit Beginn der Messungen im Jahr 1951 gefallen. Der Untersee hat einen Rekord gebrochen, der seit 1949 bestand. Flüsse sind zu Rinnsalen geschrumpft, die Schifffahrt ist eingeschränkt, und Gemeinden im ganzen Land rationieren Wasser.

Der Schweiz geht das Wasser aus. Das Land, das sich selbst als Wasserkammer Europas vermarktet, steht vor einer Dürre, die seit Jahrzehnten beispiellos ist, und die Zahlen sind erschütternd.

Der Zürichsee, der sechstgrößte See des Landes, ist auf den tiefsten Stand seit Beginn der Messungen im Jahr 1951 gefallen. Die eidgenössische Messstation am Zürichhorn verzeichnete am 19. August einen Wasserstand von nur 404,45 Metern über dem Meeresspiegel, womit der bisherige Rekord von 405,46 Metern aus dem Jahr 1952 unterschritten wurde. Der Pegel liegt 63 Zentimeter unter dem September-Durchschnitt und sinkt weiter.

Der Untersee, der westliche Teil des Bodensees, hat einen noch älteren Rekord gebrochen. Am 23. September fiel sein Pegel vier Zentimeter unter den tiefsten je gemessenen Stand, der vom 14. Januar 1949 stammte – Messungen an dieser Stelle werden seit 1885 durchgeführt. Der Walensee hat ebenfalls einen September-Rekordtiefstand erreicht, und der Bodensee hat seit Ende Juni die tiefsten je für die Jahreszeit verzeichneten Pegelstände.

Die Dürre ist kein Sommerphänomen. Sie begann im Frühjahr und hielt bis in den Herbst an. Zwischen dem 1. April und dem 31. Juli verzeichnete rund ein Fünftel der Schweizer Messstationen ihre niedrigsten Wasserstände für diesen Zeitraum seit Beginn der Messungen. Im Juli war die Wasserknappheit auf 99 Prozent des Schweizer Territoriums verbreitet, und das Dürrerisiko blieb landesweit am 10. August auf höchstem Niveau.

Die eigene Dokumentation der Bundesregierung zu einem Szenario schwerer Dürre zeichnet ein düsteres Bild dessen, was sich entfaltet. Die Flussabflüsse sind reduziert, und Laufwasserkraftwerke produzieren bis zu 25 Prozent weniger Strom. Speicherkraftwerke erzeugen aufgrund niedriger Stauseepegel bis zu 30 Prozent weniger. Kernkraftwerke, Rechenzentren, Lebensmittelverarbeitungsbetriebe und pharmazeutische Infrastrukturen mit großem Wärmebedarf sind gezwungen, ihre Produktion zu drosseln, da sie weniger Wasser entnehmen oder weniger Wärme in die Gewässer ableiten können. Das Kernkraftwerk Beznau musste ab Juni seine Leistung reduzieren und zeitweise ganz abschalten, aufgrund hoher Wassertemperaturen in der Aare.

Der Rhein, die wichtigste Wasserstraße der Schweiz für Importe, ist stark betroffen. Größere Frachtschiffe können nur noch mit stark reduzierter Ladung fahren, und die Verlagerung auf Schienen- oder Straßentransport bietet nur eine Teillösung. Es kommt zu Verzögerungen bei Lieferungen von Dünger, Futtermitteln, Ölsaaten, Getreide und Mineralöl. Der Treibstofftransport ist teurer geworden, und Anwohner in Basel berichten, ihre Tanks für 100 Franken statt der üblichen 80 zu füllen.

Die Landwirtschaft steckt in der Krise. Aufgrund sinkender Grünlanderträge sehen sich die Landwirte mit zusätzlichen Kosten für den Kauf von teurem Raufutter konfrontiert. Futter- und Trinkwasserknappheit für Nutztiere, insbesondere in den Sommerweidegebieten, führt dazu, dass deutlich mehr Rinder zur Schlachtung geschickt werden müssen. In den am schlimmsten betroffenen Regionen bricht die landwirtschaftliche Produktion teilweise zusammen, und viele Betriebe stehen vor existenziellen Bedrohungen.

Die Gemeinden waren gezwungen zu handeln. Mehr als 194 Gemeinden haben ihre Bewohner zum Wassersparen aufgerufen, und mindestens 151 haben Verbote für bestimmte Wassernutzungen verhängt, mit Geldstrafen von bis zu 2.000 Franken. In Wittnau im Kanton Aargau liefern die drei lokalen Quellen nur 231 Liter pro Minute – verglichen mit den normalen 500 bis 600 Litern für diese Jahreszeit. Das Dorf benötigt tagsüber rund 200 Liter pro Minute. Die Gemeinde hat ihre Brunnen abgestellt, die Feuerwehr hat wasserintensive Übungen eingestellt, und den Bewohnern ist das Befüllen von Pools oder das Bewässern von Rasen verboten. Seit Juli kann die Gemeinde Bußgelder verhängen.

Im Kanton St. Gallen wurden Bevölkerung, Landwirtschaft und Unternehmen aufgerufen, Wasser sparsam zu nutzen. Wasserentnahmen aus Oberflächengewässern werden schrittweise verboten, und der Zugang zu besonders sensiblen Gewässerabschnitten ist zum Schutz von Fischen und Wasserlebewesen vorübergehend untersagt.

Der Kanton Thurgau meldet, dass seine Gewässer historische Tiefstände aufweisen, einige sind vollständig ausgetrocknet. Es wird erwartet, dass sich die Situation in den kommenden Wochen verschlimmert.

Der tiefe Pegelstand des Zürichsees hat unmittelbare Folgen für die Schifffahrt. Die Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft war gezwungen, vier Stationen, darunter Küsnacht Heslibach, Bellevue und Limmatquai, zu schließen, da der Höhenunterschied zwischen Schiff und Steg für ein sicheres Einsteigen zu groß geworden ist. Die Oberseefähre stellte den Betrieb vollständig ein. Die Limmat-Rundfahrt wurde abgesagt. Das Unternehmen setzt größere Schiffe mit unterschiedlichen Rumpfkonstruktionen ein, um die verbleibenden Routen zu bedienen.

Die Zürichsee-Fähre zwischen Horgen und Meilen hat Kunden über Einschränkungen beim Fahrzeugladen aufgrund des „außerordentlich niedrigen“ Wasserstands informiert, wodurch Fahrten von schweren Lastwagen und mehreren anderen Fahrzeugtypen ausgeschlossen sind.

Im Oktober wird das Bundesamt für Umwelt den Abfluss aus dem Zürichsee von 30 auf 20 Kubikmeter pro Sekunde reduzieren, um den weiteren Rückgang des Seespiegels zu verlangsamen und Einschränkungen für die Schifffahrt, die Seefähre und den Rettungsdienst zu begrenzen. Weniger Wasser, das in die Limmat fließt, wird das Ökosystem und die Wasserkraftproduktion beeinträchtigen, mit negativen Folgen für Fische und andere Wasserlebewesen.

Die Dürre ist das Ergebnis eines zweiten aufeinanderfolgenden Winters mit wenig Schnee und intensiven Sommerhitzewellen. Der Sommer 2026 war der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1864. Der Kanton St. Gallen merkt an, dass die aktuelle Dürre die von 2003 und 2018 übertrifft.

Die Bundesregierung hat die Notwendigkeit von Maßnahmen anerkannt. Das Parlament hat eine nationale Wasserstrategie gefordert, die bis Ende 2027 erwartet wird. Eine Arbeitsgruppe zur Dürre hat fünf Maßnahmenpakete empfohlen, darunter regionale Wasserressourcenplanung, verbesserte Datenverfügbarkeit, interkantonale Koordination, Wissensaustausch und sichere Finanzierungsmöglichkeiten. Doch die Strategie ist noch nicht umgesetzt, und das Wasser zieht sich weiter zurück.

Vorerst konfrontiert sich die Schweiz mit einer Realität, die sie lange geleugnet hat: Selbst die Wasserkammer Europas kann austrocknen. Die Seen sind auf Rekordtiefs. Die Flüsse schrumpfen. Die Bauernhöfe kämpfen. Und der Regen, wenn er kommt, reicht möglicherweise nicht aus, um das Verlorene wieder aufzufüllen. Die Dürre ist in ihren sechsten Monat gegangen. Und der Winter mit seinem Versprechen von Schnee ist noch weit entfernt.

Verfasst von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com