
Zuflucht durch Bürokratie: Die pragmatische Herzlichkeit der Alpen-Grenze
Eine neuseeländische Familie verfolgt eine Fluchtroute des Zweiten Weltkriegs ins Tessin nach und enthüllt die kalkulierte Gastfreundschaft der Schweiz in Kriegszeiten.
Von Martina Kirchner

Eine am 4. April 1944 in Cortaccio oberhalb von Brissago aufgenommene Fotografie hält einen bedeutsamen Moment der Kriegsgeschichte fest. Sieben erschöpfte Flüchtlinge stehen vor einem Schweizer Soldaten. Im Vordergrund hockt Sydney Short, ein Neuseeländer, der für die British Royal Air Force flog, und macht das Victory-Zeichen. Hinter dieser kurzen Geste verbarg sich eine mühsame Tortur: über Nordafrika abgeschossen, in der Nähe von Modena inhaftiert und nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 befreit. Mithilfe italienischer Partisanen durchquerte Short Mailand, erreichte das Cannobio-Tal und absolvierte einen steilen, fünfzehn- bis sechzehnstündigen Nachtmarsch durch eisiges Bergterrain ohne angemessene Ausrüstung, um die Schweizer Grenze zu erreichen.
Doch die Herzlichkeit des Empfangs im Tessin war stets eine Frage der administrativen Klassifizierung. Für Short funktionierte der Staatsapparat reibungslos genug. In Bellinzona registriert, verbrachte er sechs Monate in Bern inhaftiert, bevor er an die alliierten Linien zurückkehrte, um weiterzukämpfen. Alliierte Flieger und Militärdeserteure wurden mit bürokratischer Routine bearbeitet, was für die Behörden in Bern überschaubare Verpflichtungen darstellte.
Für andere war die hochalpine Grenze weitaus weniger entgegenkommend. Zwischen September 1943 und August 1945 überquerten etwa 30.000 Flüchtlinge den südlichen Kanton, darunter 263, die entlang des schmalen, tückischen Abschnitts zwischen dem Monte Gridone und Cortaccio registriert wurden. Doch die offizielle Schweizer Wohltätigkeit hatte strenge Grenzen. Während ehemalige alliierte Militärangehörige in der Regel Einlass erhielten, wurden Zivilisten, Partisanen und jüdische Familien routinemäßig an der Grenze zurückgewiesen. Carlo Bavas Vater und Onkel, die im September 1944 vor der faschistischen Rückeroberung von Cannobio flohen, wurden zunächst an der Grenze abgewiesen und mussten sich in einer Scheune verstecken, abhängig von einem örtlichen Bauern für Nahrung, bis eine andere Überquerung arrangiert werden konnte.
Acht Jahrzehnte später reisten Shorts Sohn Grant und zwei Enkelinnen aus Neuseeland an, um den Weg nachzuvollziehen, geleitet von Historiker Raphael Rues, nachdem sie alte Briefe und Fotos entdeckt hatten. Short selbst hatte über diese Monate geschwiegen. Die Wiedereröffnung dieser Vergangenheit enthüllt, wie die Schweizer Ordnung den umgebenden Sturm navigierte: nicht durch universelle humanitäre Offenherzigkeit, sondern durch eine kalte, kalkulierte Selektivität, die das Risiko am Bergpass managte, während sie sich auf italienische Partisanen und Bauern verließ, um die menschlichen Auswirkungen auf der anderen Seite zu bewältigen.
Verfasst von Martina Kirchner



