Fünf-Franken-Kokain und naive Politik: Zürichs Drogenszene kehrt zurück

Lokale Geschäfte an der Gessnerallee schlagen Alarm, da die wohlhabende Schweizer Stadt Mühe hat, einen aggressiven, wiederauflebenden Drogenmarkt in den Griff zu bekommen.

Five-Franc Cocaine and Naive Policies: Zurich’s Drug Scene Returns

Zürich präsentiert sich gewöhnlich als Bild makelloser Ordnung, eine wohlhabende Schweizer Metropole, in der die Wirtschaft brummt und die Straßen makellos sind. Doch nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, an der Gessnerallee, kollidiert diese wohlhabende, etwas naive Gesellschaft mit einer düsteren Realität, die sie vor Jahrzehnten für verbannt hielt. Pendler und Touristen teilen sich nun den Gehweg mit einem zunehmend aggressiven offenen Drogenmarkt, was lokale Geschäftsleute dazu veranlasst, ihre übliche Konfliktscheu aufzugeben und sofortiges staatliches Eingreifen zu fordern.

Der Kontrast ist frappierend. Vor einem lokalen Kosmetiksalon, betrieben von Melanie Stierli, sind Dealer und Konsumenten zu einer Dauereinrichtung geworden. Einmal zogen Einzelpersonen sogar ein Sofa direkt vor die Ladenfront, um ihre illegalen Geschäfte bequem abzuwickeln. Stierli und andere langjährige Unternehmer im Quartier berichten von einem stetigen jährlichen Anstieg sowohl des Nutzeraufkommens als auch ihres Aggressionsniveaus. Aus Angst vor einer Rückkehr der berüchtigten Platzspitz-Ära der Neunzigerjahre sammeln diese lokalen Geschäftsleute derzeit Unterschriften und flehen die Stadtbehörden an, das Gebiet zu räumen, bevor sich die Situation weiter verschlechtert.

Die Stadt Zürich hat die Gessnerallee offiziell als einen von vier Hauptbrennpunkten für die wiederauflebende Drogenszene ausgewiesen. Als Reaktion darauf haben die Behörden die Polizeipatrouillen verstärkt. Lokale Beobachter beschreiben den Einsatz der Strafverfolgungsbehörden jedoch als ein vergebliches Katz-und-Maus-Spiel. Das Schweizer Staatssystem, das im Allgemeinen sehr effizient ist, scheint vom schieren Volumen des offenen Handels bei Tageslicht völlig überfordert zu sein.

Ein Teil der geografischen Konzentration rührt von der Präsenz des Arud Zentrums für Suchtmedizin her, einer Einrichtung, die nach der Schließung der Drogenszene am Letten gegründet wurde. Das Zentrum bietet Behandlung für etwa 5.000 Patienten. In einem Beispiel gut gemeinter, aber vielleicht naiver Gesundheitspolitik verteilt die Klinik Heroinersatzstoffe wie Methadon, wovon ein Teil sofort auf der Straße weiterverkauft wird. Thilo Beck, Co-Chefarzt der Psychiatrie bei Arud, räumt diesen Sekundärmarkt ein, schätzt aber, dass nur ein Prozent ihrer Patienten solchen Weiterverkauf betreiben.

Trotz der Verharmlosung des Methadon-Abflusses kann die Klinik das Chaos vor ihrer Haustür nicht ignorieren. Die Atmosphäre ist so angespannt geworden, dass das Arud-Zentrum gezwungen war, eine private Sicherheitsfirma zu engagieren, um lediglich die Ordnung vor ihren eigenen Büros aufrechtzuerhalten. Beck führt die aktuelle Eskalation nicht auf die Präsenz der Klinik zurück, sondern auf einen überfluteten illegalen Markt. Kokain ist nun weit verbreitet in leicht konsumierbaren Pellets erhältlich, die für lediglich fünf Schweizer Franken pro Stück verkauft werden.

Anstatt eine härtere Durchgreifen zu fordern, plädiert die psychiatrische Leitung von Arud für die Schaffung neuer, niederschwelliger Unterstützungsdienste, da die Polizeipräsenz allein die Krise nicht lösen könne. Es ist ein typisch schweizerischer Ansatz: ein gut finanziertes Sozialverwaltungssystem auf ein Problem werfen, in der Hoffnung, dass ein Zustrom billiger Drogen und aggressiven Straßenhandels durch höfliche Intervention und eine bescheidene bürokratische Expansion bewältigt werden kann.

Verfasst von Christiane Hofreiter

christiane.hofreiter@alpineweekly.com