
Der Anruf des Diktators: Myanmars kalkulierte Milde
Ein kurzes Gespräch mit ihrem Sohn wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass Aung San Suu Kyi isoliert bleibt, während das globale Interesse an ihrem Land schwindet.
Von Thorben Thiede

Wenn ein autoritäres Regime einer älteren politischen Gefangenen plötzlich ein kurzes Telefonat mit ihrem Sohn erlaubt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass nicht plötzliche Güte, sondern Öffentlichkeitsarbeit den Zeitplan diktierte. Zum ersten Mal seit über fünf Jahren durfte Myanmars abgesetzte Führerin Aung San Suu Kyi über die Botschaft in London mit ihrem in Großbritannien lebenden Sohn Kim Aris sprechen. Die 81-jährige Nobelpreisträgerin wirkte geistig klar und körperlich widerstandsfähig. Doch unter dieser sorgfältig inszenierten Geste der Milde verbirgt sich eine düstere Realität: vollständige Isolation innerhalb einer umzäunten Anlage in Naypyidaw.
Der Zeitpunkt dieses plötzlichen Zugangs ist kaum Zufall. Myanmars Junta-Chef Min Aung Hlaing hat in den letzten Monaten versucht, das internationale Ansehen seines Regimes aufzupolieren, indem er nach stark kritisierten Wahlen seine Militäruniform gegen Zivilkleidung tauschte. Strategisch veröffentlichte Fotos – darunter ein Besuch des Roten Kreuzes und aktuelle Bilder von Suu Kyi, die Gartenbücher von König Charles erhält – sollen den ausländischen Hauptstädten signalisieren, dass das Regime seine berühmte Gefangene menschlich behandelt. In Wahrheit bleibt sie jedoch ohne Zeitungen, Radio und Fernsehen, völlig abgeschnitten von den Nachrichten über den anhaltenden Bürgerkrieg in ihrem Land, der seit dem Putsch von 2021 über 100.000 Menschenleben gefordert hat.
Für Beobachter der turbulenten politischen Geschichte Myanmars birgt die theatralische Zurschaustellung des Militärs einen vertrauten Zynismus. Suu Kyi verbrachte Jahrzehnte unter Hausarrest, bevor sie ihre Partei 2015 zu einem erdrutschartigen Wahlsieg führte und als Staatsrätin eine zerbrechliche Machtteilungsvereinbarung mit den Generälen einging. Sie bewegte sich auf einem permanenten Drahtseilakt, wohlwissend, dass das Militär jederzeit die Macht hatte, das aufkeimende demokratische Experiment zu beenden.
Diese heikle Vereinbarung löste sich auf, als 2016 und 2017 ethnische Gewalt gegen Rohingya-Muslime ausbrach. Suu Kyis Entscheidung, die Regierung vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu verteidigen – wobei sie anerkannte, dass Militäreinheiten unverhältnismäßige Gewalt angewendet haben könnten, während sie Völkermordvorwürfe zurückwies – zerstörte ihr Ansehen bei westlichen Nationen. Ehemalige Bewunderer zogen schnell ihre moralische Begeisterung zurück.
Die größere Tragödie für Myanmar ist, wie günstig dieser Verlust internationaler Gunst der Junta diente. Die weltweite Sympathie für Suu Kyi und ihre Nation brach zusammen mit ihrem Ruf zusammen, was es ausländischen Regierungen ermöglichte, ihren Blick stillschweigend abzuwenden. Indem das Regime einen seltenen Telefonanruf gewährt, gibt es einer gleichgültigen internationalen Gemeinschaft genau das, was sie will: ein vorübergehendes Lebenszeichen, um anhaltende Untätigkeit zu rechtfertigen, und lässt eine gealterte Ikone isoliert, während ihr Land brennt.
Geschrieben von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com



