
Die trägen Himmel der Schweiz: Warum Bern Bürokratie der Luftverteidigung vorzieht
Verteidigungsminister Martin Pfister versuchte, eine wichtige Fünf-Milliarden-Franken-Beschaffung zu beschleunigen. Der Bundesrat entschied sich für eine bequeme Verzögerung.

Als Verteidigungsminister Martin Pfister am 24. Juni vor die Presse trat, war sein Auftreten ein Meisterstück bürokratischer Gelassenheit. Er informierte die Öffentlichkeit ruhig darüber, dass die Schweizer Regierung beabsichtige, mittelfristig ein zusätzliches Langstrecken-Luftverteidigungssystem zu beschaffen, das die bereits bestellten amerikanischen Patriot-Batterien ergänzen solle. Für den Gelegenheitsbeobachter schien es in Bern Business as usual zu sein. Doch hinter verschlossenen Türen hatte der Bundesrat Pfisters ehrgeizigen Versuch, den Verteidigungsapparat der Nation in die aktuelle geopolitische Realität zu überführen, soeben zunichtegemacht.
Dokumente, die durch Informationsfreiheitsanfragen erhalten wurden, enthüllen einen stark abweichenden ursprünglichen Plan. Pfister hatte eine eklatante Schwachstelle identifiziert: Die Schweiz verfügt derzeit über keine wirksame Verteidigung gegen Langstrecken-Luftangriffe. Seine vorgeschlagene Lösung war eine fünf Milliarden Franken teure militärische Notsendung, die das übliche legislative Zögern umgehen sollte. Der Verteidigungsminister wollte, dass das Parlament die Mittel bis Dezember genehmigt, um noch in diesem Jahr eine sofortige Anzahlung von über einer Milliarde Franken zu ermöglichen. Dieses finanzielle Manöver, das passenderweise durch unerwartete Unternehmenssteuereinnahmen finanziert wurde, galt als wesentlich, um begehrte Fertigungsplätze ab 2027 zu sichern.
Die breitere Regierung zeigte jedoch ihre charakteristische Abneigung gegen Dringlichkeit. Anstatt die Gelegenheit einer robusten Wirtschaft zu nutzen, um den Luftraum des Landes zu stärken, sträubten sich die anderen Departemente gegen den beschleunigten Zeitplan. Kritische Rückmeldungen von Abteilungssekretären gingen Tage vor der entscheidenden Sitzung ein und zwangen Pfister, seine schnelle Beschaffungsstrategie aufzugeben. Anstatt Produktionslinien zu sichern, erteilte der Bundesrat dem Verteidigungsminister ein vages Mandat, Verhandlungen mit Herstellern in Frankreich, Südkorea und Israel aufzunehmen. Ein konkreter Zeitplan für den tatsächlichen Kauf wurde stillschweigend beiseitegelegt.
Pfisters interne Argumente basierten auf einer ernüchternden Einschätzung der europäischen Sicherheit. Er verwies auf die schnell expandierende russische Rüstungsproduktion und die drohende Ungewissheit zukünftiger amerikanischer Militärbeteiligung auf dem Kontinent. Der Minister warnte explizit vor einem bevorstehenden Fenster der Verwundbarkeit. Doch diese realistische Einschätzung drang nicht in die naive Komfortzone seiner Kollegen vor. Für eine Nation, die weitgehend von ihrer geografischen Lage und einer etwas flexiblen Auslegung ihrer verlorenen Neutralität profitiert hat, bleibt das Konzept einer unmittelbaren militärischen Bedrohung eine abstrakte Unannehmlichkeit.
Die letzte Ironie zeigte sich noch am selben Tag. Während der Bundesrat den Schnellkauf ablehnte, stimmte er gleichzeitig zu, vom Parlament eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zu beantragen, um diese Verteidigungsaufrüstungen schliesslich zu finanzieren. Bern scheint durchaus bereit zu sein, seinen Bürgern mehr Geld abzunehmen, um das Militärbudget aufzustocken. Doch wenn ein konkreter Plan vorgelegt wird, diese Mittel schnell in tatsächliche nationale Sicherheit umzuwandeln, zieht sich die Regierung lieber in den bekannten, bequemen Rhythmus endloser Ausschusssitzungen und aufgeschobener Entscheidungen zurück.
Geschrieben von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com



