
Aktenlagen und vermisste Dateien: Wie das FBI einen 9/11-Schlüssel verlegte
Jahrzehnte bürokratischer Reibereien und diplomatischer Vorsicht schützten eine zentrale saudische Figur vor Strafverfolgung, wie freigegebene Gerichtsakten enthüllen.

Eine handgeschriebene mathematische Gleichung zur Berechnung des Abstiegs eines Flugzeugs, eine vergilbte Notizbuchseite und Videobänder von Kampfspielen am Wochenende in der Nähe von San Diego: Fast fünfundzwanzig Jahre lang blieben diese Beweisstücke in Bundesarchiven vergraben. Ihre öffentliche Freigabe im Rahmen der 1 Billion Dollar schweren Zivilklage der 9/11-Familien steht in starkem Kontrast zu offiziellen Zusicherungen, dass Omar al-Bayoumi lediglich ein harmloser saudischer Student war, der zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Als Detektive der Metropolitan Police Bayoumi zehn Tage nach den Terroranschlägen von 2001 in Birmingham festnahmen, beschlagnahmten sie Tragetaschen voller Videobänder und Dokumente. Darunter befand sich eine Skizze mit mathematischen Details zum Flugabstieg in Bayoumis Handschrift. FBI-Vertreter erhielten innerhalb von achtundvierzig Stunden Kopien in London, doch britische Vernehmungsbeamte im selben Gebäude wurden nie über deren Existenz informiert. Als amerikanische Justizbeamte gebeten wurden, Bayoumi auszuliefern, lehnten sie dies unter Berufung auf mangelnde Beweise ab. Bayoumi kam am 28. September 2001 frei.
Was folgte, war eine Meisterklasse institutioneller Abschottung. Das FBI-Büro in New York behielt die Beweismittel, während Außendienstmitarbeiter in San Diego – die Bayoumis Unterstützung für zwei Entführer, Nawaf al-Hazmi und Khalid al-Mihdhar, aktiv untersuchten – erfolglos um Zugang baten. Als Außendienstermittler die Erlaubnis einholten, Diplomaten des saudischen Ministeriums für islamische Angelegenheiten in Kalifornien zu befragen, erteilten die Washingtoner Zentrale und das Außenministerium sofortige Ablehnungen.
Unversiegelte Videoaufnahmen aus den öffentlichen Akten zeigen Bayoumi beim Paintball in Militärkleidung mit Anwar al-Awlaki, dem Geistlichen, der später al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel anführte, sowie mit Vertretern des saudi-arabischen Ministeriums für islamische Angelegenheiten in Riad. In einer eidesstattlichen Aussage aus dem Jahr 2021 behauptete Bayoumi, Awlaki nie getroffen zu haben.
Als die 9/11-Kommission 2003 nach Riad reiste, um Bayoumi zu befragen, geschah dies unter den wachsamen Augen der Mabahith, der saudischen Geheimpolizei. Unterbrochen von einem mehrgängigen Abendessen, das von ihren Betreuern ausgerichtet wurde, versicherte die Delegation Bayoumi, dass niemand glaubte, er habe die Entführer wissentlich unterstützt. Der Abschlussbericht der Kommission beschrieb ihn als gefällig und gesellig und ließ jeglichen Verweis auf das Flugzeugdiagramm oder die Paintball-Aufnahmen, die dem Personal nie gezeigt werden durften, explizit weg.
Sowohl die saudische Regierung als auch Bayoumi haben stets ihre Unschuld beteuert und jegliches Vorwissen oder jegliche Beteiligung an den Anschlägen bestritten. Das FBI und das Außenministerium haben es abgelehnt, sich zu historischen Ermittlungsentscheidungen zu äußern. Doch während freigegebene Akten allmählich in die Öffentlichkeit gelangen, zeichnet sich ein Bild ab, das weniger von einem Versagen der Informationsbeschaffung als vielmehr von einem Versagen des institutionellen Willens zeugt. Zivilklagen und nicht föderale Strafverfolgungen haben letztlich die fehlenden Teile des Ermittlungspuzzles aufgedeckt.
Verfasst von Martina Kirchner
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