
Leere Staudämme, hohe Einsätze: Der Sommer-Ausverkauf in den Schweizer Alpen
Wenn Energieversorger Wintersicherheit für Sommer-Exporte eintauschen, ist die Atomdebatte nie weit entfernt.
Von Martina Kirchner

Der Herbst in den Schweizer Bergen bringt normalerweise stabile Wasserstände, doch dieses Jahr ist der Blick in die alpinen Becken eher düster. Die Stauseen im Tessin sind nur zur Hälfte, jene in Graubünden kaum zu zwei Dritteln gefüllt. Für Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen Partei, ist der Schuldige nicht allein die Natur, sondern die profitorientierten Berechnungen der Stromproduzenten.
Grossen wirft den Energiekonzernen vor, ihre Wasserturbinen in den Sommermonaten zwischen April und September übermässig betrieben zu haben. Durch den Export von überschüssigem Strom ins Ausland, als dies nicht unbedingt notwendig war, hätten die Elektrizitätsunternehmen unnötig Reserven abgebaut, die das Land durch die kalte Jahreszeit bringen sollten. Der GLP-Chef sieht einen klaren Widerspruch: Energieversorger verkaufen im Sommer Wasserreserven für schnellen Profit, nur um dann ein winterliches Versorgungsdefizit zu beklagen, wenn sie für die Aufhebung des Verbots neuer Atomkraftwerke lobbyieren. Um diese Praktiken aufzudecken, fordert Grossen, dass Unternehmen genau offenlegen, wie viel Stauseewasser für die sommerliche Stromproduktion verwendet wurde.
Die Branche zeigt jedoch wenig Neigung zur Selbstkritik. Michael Frank, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, führt die leeren Becken auf einen ungewöhnlich trockenen Sommer und nicht auf kommerzielle Gier zurück. Darüber hinaus deuten Branchenzahlen darauf hin, dass der tatsächliche Mangel an verfügbarer Winterelektrizität bescheiden ist und nur drei Prozent unter normalen Jahren liegt.
Aus Sicht der Elektrizitätsbranche verfehlen die politischen Fixierungen auf die Staudammpegel die grössere operationelle Realität. Die Versorgungssicherheit im Winter, so Frank, hängt viel weniger vom saisonalen Speichermanagement ab als vielmehr von der Verlängerung der Betriebsdauer bestehender Kernkraftwerke von 60 auf 80 Jahre. Forderungen nach zusätzlichen Berichtspflichten werden als überflüssiger administrativer Aufwand abgetan. Aus der Sicht der Energiekonzerne würde eine weitere regulatorische Intervention einem unnötigen «Schweizer Finish» gleichkommen, das den Markt in Richtung einer Planwirtschaft drängt.
Was sich als technischer Streit um Wasserstände darstellt, ist in Wahrheit eine weitere Stellvertreter-Schlacht um die breitere nukleare Entwicklung der Schweiz. Der Schatten der Atomdebatte beherrscht nun jeden Winkel der Energiepolitik und stellt sicher, dass selbst ein trockener Sommer in den Alpen sofortige Munition für politische Auseinandersetzungen wird.
Verfasst von Martina Kirchner




