
Boxen, Kopfstände und politische Ausdauer in Bern
Während die Schweizer Regierung Spitzensportler ehrt, nutzen ihre eigenen Mitglieder physische Disziplin als Werkzeug für das Überleben in der Exekutive.

Wenn das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport die neuesten Schweizer Medaillengewinner im Bundeshaus zu seinem traditionellen Empfang versammelt, ist die Botschaft erwartungsgemäss tadellos. Doch hinter den Fototerminen und offiziellen Händedrücken verbirgt sich eine weniger gefeierte Realität: Die Exekutivgewalt in Bern erfordert eine eigene brutale körperliche Konditionierung. In einem politischen System, das Ehrgeiz durch unerbittliche Konsensbildung und endlose Ausschusssitzungen zermürbt, ist körperliche Ausdauer weniger ein persönliches Hobby als eine Voraussetzung für das politische Überleben.
Man denke an Karin Keller-Sutter, die traditionelle Schweizer Wintersportarten für einen Boxring jeden Montagabend meidet. Ihre Motivation hat wenig mit Gewalt zu tun und alles mit politischer Haltung. Die Disziplin erfordert kontrollierte Bewegung, defensive Belastbarkeit und das präzise Timing eines Konters – Fähigkeiten, die sich nahtlos vom Boxring auf die Verwaltung der Bundesfinanzen übertragen lassen. Ähnlich wurde Ueli Maurers politische Ausdauer im Militär geschmiedet, während seiner Jahre als Kommandant eines Radfahrer-Bataillons verfeinert und beim anstrengenden Militärausdauerlauf Frauenfeld 1996 demonstriert.
Für andere dient sportliche Betätigung als ultimatives Schmiermittel für das politische Networking. Beat Jans, der seine Amtszeit als erstes amtierendes Regierungsmitglied im parlamentarischen Fussballclub begann, demonstriert, wie parteiübergreifende Spannungen sich auflösen, wenn man nach einem Spiel duscht und ein Bier teilt. Ruth Metzler-Arnold verstand diese Dynamik schon lange; bevor sie Swiss Olympic präsidierte und Marathons lief, nutzte sie einen lokalen Turnverein in Appenzell, um sich in eine neue Gemeinschaft zu integrieren und ihr politisches Fundament zu legen.
Selbst die historischen Schwergewichte des «Siebenköpfigen Monsters» verliessen sich auf physische Besessenheit. Kurt Furgler war so vom Handball besessen, dass er den TSV St. Otmar St. Gallen gründete, ihn zu nationalen Meisterschaften führte und 1971 mit einem Gipsverband nach einer Knieoperation ins Parlament einzog. Jahrzehnte später erhob der ehemalige Bundesrat Adolf Ogi die persönliche Routine zur Kunstform. Ogi stand routinemässig um 4:45 Uhr auf und ergänzte seine morgendlichen Läufe mit einem täglichen Kopfstand von bis zu sieben Minuten – eine Gewohnheit, die er 1968 von Skilegende Jean-Claude Killy übernahm, um seinen Kopf für exekutive Entscheidungen freizubekommen. Alain Berset, ein ehemaliger Junioren-Leichtathletikmeister über 800 Meter, tauschte schliesslich die Laufbahn gegen eine Pilotenlizenz ein.
In einer wohlhabenden, komfortablen Konföderation, die administrative Prozesse oft mit dynamischer Führung verwechselt, offenbaren diese privaten sportlichen Rituale etwas Wesentliches. Hinter Berns unaufdringlicher Fassade erfordert das politische Überleben eine ruhige, fast klinische Besessenheit von persönlicher Ausdauer.
Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com



