
Deutschland vor Kampfjet-Wahl: Frankreichs Preis zahlen oder abspringen
Merz steht vor der Zerreißprobe, die Beziehungen zu Paris zu retten und die deutsche Industrie zu schützen, während das 100-Milliarden-Euro-FCAS-Projekt kurz vor dem Scheitern steht.

Das Future Combat Air System (FCAS), ein im Jahr 2017 von Emmanuel Macron und Angela Merkel ins Leben gerufenes Verteidigungsvorzeigeprojekt, steht kurz vor dem Kollaps. Als Gemeinschaftsunternehmen von Deutschland, Frankreich und Spanien zur Entwicklung eines Kampfflugzeugs der nächsten Generation konzipiert, sollte die 100-Milliarden-Euro-Initiative Ressourcen bündeln, Kosten senken und eine neue Ära der europäischen Verteidigungszusammenarbeit symbolisieren. Stattdessen ist sie zu einer Quelle anhaltender Reibereien zwischen Berlin und Paris geworden, und Bundeskanzler Friedrich Merz steht nun vor einer Entscheidung ohne gute Optionen.
Der Kernstreit ist unkompliziert und scheint unüberwindbar. Éric Trappier, der Chef des französischen Rüstungsunternehmens Dassault, hat wiederholt darauf bestanden, dass sein Unternehmen das Projekt leiten muss. Die Position aus Paris lautet, dass Airbus, der deutsche Partner, die erforderliche Erfahrung nicht besitzt und keine glaubwürdige Führungsrolle beanspruchen kann. Frankreich hat keinerlei Bereitschaft gezeigt, in diesem Punkt zu verhandeln. Deutschland wiederum hat sich geweigert, dieses Urteil zu akzeptieren, was das Projekt in einen Zustand der Lähmung versetzt hat. Drei Fristen sind bereits verstrichen, und ein letzter Vermittlungsversuch läuft derzeit, wobei eine Entscheidung noch in diesem Monat erwartet wird.
Macron drängt Merz weiterhin zu Zugeständnissen, doch der deutsche Kanzler hat öffentlich Skepsis geäußert. Im Februar stellte er fest, dass die deutschen und französischen operativen Anforderungen an das Flugzeug voneinander abweichen. In einem Interview Ende März mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gab Merz zu, dass er kurz davor gewesen sei, „den Stecker zu ziehen“, da er kaum noch eine Erfolgschance sah. Er habe innegehalten, erklärte er, weil er in fünf oder zehn Jahren nicht hören wollte, er hätte es noch einmal versuchen sollen.
Merz muss nun drei konkurrierende Überlegungen abwägen: den Zustand der deutsch-französischen Beziehungen, das größere Projekt der europäischen Verteidigungsintegration und Deutschlands eigene strategische und industrielle Interessen.
Auf bilateraler Ebene steht viel auf dem Spiel. Jeder deutsche Kanzler betrachtet die Beziehung zu Paris als grundlegend für das europäische Projekt. Trotz gelegentlicher Annäherungsversuche an die italienische Giorgia Meloni oder Gesprächen über eine stärkere Partnerschaft mit Polen ist Merz stets zu der Erkenntnis zurückgekehrt, dass Berlin und Paris die unverzichtbaren Schwergewichte der EU bleiben. Dennoch ist die Beziehung angespannt. Während sich beide Staats- und Regierungschefs über die Notwendigkeit eines kohärenteren Europas angesichts russischer Aggression, chinesischer Ambitionen und amerikanischer Unberechenbarkeit einig sind, weichen ihre Visionen in Details stark voneinander ab. Merz wünscht sich mehr Markt und weniger Bürokratie in der EU; Macron befürwortet gemeinsame Schulden. Berlin drängt auf neue Handelsabkommen; Paris blockiert diese regelmäßig. Auch geostrategische Differenzen sind offensichtlich: Frankreich ist eher bereit, sich Washington entgegenzustellen, während Deutschland an der transatlantischen Sicherheitspartnerschaft festhält. Macron suchte den Dialog mit Putin, was Merz ablehnte. Als Merz russische Vermögenswerte in der EU einfrieren wollte, bot Macron keine Unterstützung an. Ein offenes Scheitern des FCAS wäre ein öffentliches Eingeständnis, dass die deutsch-französische Zusammenarbeit erheblichen Reibungen ausgesetzt ist.
Ein Scheitern würde auch die Bemühungen zur Konsolidierung der fragmentierten europäischen Verteidigungsindustrie beeinträchtigen. Brüssel hat kürzlich Initiativen wie Security Action for Europe und das Europäische Verteidigungsindustrieprogramm ins Leben gerufen, um gemeinsame Beschaffung zu fördern und nationalen Protektionismus zu überwinden. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius hat Hauptstädte bereist, um für eine engere Zusammenarbeit zu werben. Sollte das FCAS, das größte und symbolträchtigste gemeinsame Verteidigungsprojekt, scheitern, wäre dies ein schwerer Rückschlag für die Vision einer integrierten europäischen Verteidigungsindustrie.
Doch ein Nachgeben gegenüber französischen Forderungen hätte eigene hohe Kosten. Deutsche Industrieinteressen würden erheblich leiden. Berichten des Handelsblatts zufolge würde das Know-how, das Deutschland durch die Programme Tornado und Eurofighter entwickelt hat, verkümmern, und Tausende hochqualifizierter Arbeitsplätze bei Airbus Defence and Space wären gefährdet. Unter französischer Führung würde der Kampfjet wahrscheinlich primär auf französische militärische Spezifikationen zugeschnitten, wobei deutsche Anforderungen nur zweitrangig berücksichtigt würden. Deutschlands Rolle würde sich von der Kampffliegerei hin zu Landessystemen verschieben.
Merz könnte sich für einen klaren Bruch entscheiden. Alternativen zum FCAS existieren. Deutschland könnte ein nationales Kampfjetprogramm verfolgen und gleichzeitig mit Frankreich bei Drohnen kooperieren. Oder es könnte sich an anderen laufenden Projekten beteiligen: dem Global Combat Air Program mit Italien, Großbritannien und Japan, oder einer Partnerschaft mit Schweden, das einen Nachfolger für seinen Gripen-Kampfjet plant.
Angela Merkel behandelte die Verteidigung als zweitrangige Angelegenheit, was es leicht machte, das FCAS als politische Geste gegenüber Paris zu starten. Diese Zeiten sind vorbei. Militärische Fähigkeiten und Einsatzbereitschaft haben neue Dringlichkeit erlangt. Deutschland muss nun zuverlässige, unabhängige Verteidigungskapazitäten aufbauen, nicht nur für die eigene Sicherheit, sondern für die Verteidigung Europas als Ganzes. Merz wird diesem Imperativ nicht ausweichen können.
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