
Das Eis gibt sein Gepäck zurück
Jahrzehnte nachdem ein junger Bergsteiger seine Ausrüstung in eine Tiroler Gletscherspalte fallen ließ, erzwingen schmelzende Gletscher ein längst vergessenes Wiedersehen.

Die Natur hat eine unaufgeregte, fast ironische Art, menschliche Angelegenheiten zu prüfen. Über sechs Jahrzehnte lang bewahrte der Sulztalferner-Gletscher in Österreichs Tirol stillschweigend eine Menge persönlicher Geschichte auf fast 3.000 Metern über dem Meeresspiegel. Es bedurfte eines besonders warmen Juli und eines aufmerksamen Wanderers, um die Rechnung schließlich zu begleichen.
Was aus dem zurückweichenden Eis zum Vorschein kam, war eine Momentaufnahme des Bergsteigens aus der Mitte des Jahrhunderts: ein Eispickel, eine Kamera, eine Tabakpfeife und ein durchnässter Rucksack mit ausgefransten persönlichen Dokumenten. Die Gegenstände gehörten einem jungen Mann, der im August 1963 beim Überqueren des Eises mit seinen Begleitern in eine tiefe Gletscherspalte gerutscht war. Mit einem gemeinsamen Seil gesichert, gelang es seinen Freunden, ihn zurück in die kalte Luft zu ziehen, aber erst nachdem er seinen schweren Rucksack abgeschnallt und ihn in den Abgrund geworfen hatte, um die Last zu erleichtern.
Jahrzehnte vergingen, das Eis verschob sich, und die staatliche Bürokratie holte schließlich die Vergangenheit ein. Die österreichische Polizei analysierte mühsam die verwitterten Unterlagen, die aus dem Rucksack geborgen wurden, identifizierte den lange verschollenen Kletterer und spürte ihn auf. Mittlerweile 86 Jahre alt und bei abnehmender Gesundheit, konnte der ursprüngliche Besitzer die Reise nicht antreten, um seine längst verlorenen Besitztümer selbst abzuholen. Stattdessen trat sein Sohn ein, um die Vintage-Ausrüstung im Namen seines Vaters entgegenzunehmen.
Die Episode verdeutlicht ein breiteres Muster in den Hochalpen, wo der thermische Rückzug unerbittlich die gefrorenen Archive der Geschichte demontiert. Die Berge spucken systematisch alles aus, was die Menschheit einst unterhalb der Schneegrenze begraben hat. Am Berg Scorluzzo, mit Blick auf den Stilfser Joch, legte die Tauwetterperiode eine Militärkaserne aus dem Ersten Weltkrieg frei, die von italienischen Truppen genutzt wurde, die während des harten Alpenkonflikts österreichisch-ungarischen Kräften gegenüberstanden. In den letzten zwanzig Jahren haben dieselben Hänge die erhaltenen Überreste Dutzender gefallener Soldaten preisgegeben, einige noch in ihren jahrhundertealten Uniformen.
Der außergewöhnlichste Ertrag dieser Gletscherschmelze bleibt Ötzi, der 5.300 Jahre alte mumifizierte Jäger, der 1991 von deutschen Wanderern in den Ötztaler Alpen nahe der italienischen Grenze entdeckt wurde und dessen tätowierter Körper heute in einem Museum in Bozen ruht. Während das Eis weiter schrumpft, geben die hohen Gipfel vergangenes Gepäck mit administrativer Präzision zurück. Die Alpengletscher mögen verschwinden, aber sie stellen sicher, dass nichts Zurückgelassenes für immer vergessen bleibt.
Geschrieben von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com
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