Armut im Schweizer Alpenparadies

Eine neue Freilichtausstellung in Braunwald zwingt eine reiche moderne Nation, sich der Not ihrer Kriegskinder in den Bergen zu stellen.

Staring at Poverty in a Swiss Alpine Playground

Braunwald, ein typisches Schweizer Bergdorf, hat sich in eine begehbare Galerie verwandelt. Thema dieser Gemeinschaftsausstellung ist die erdrückende Armut ihrer eigenen Vorfahren. Emil Brunner, ein in Glarus geborener Fotograf, der normalerweise von der Arktis bis zur Sahara reiste, sah sich während des Zweiten Weltkriegs durch geschlossene Grenzen gefangen. Da er nicht mehr um die Welt reisen konnte, richtete Brunner seine Linse auf die lokale Jugend und nahm zwischen 1943 und 1944 über 1500 Porträts von Bergkindern auf. Dreißig Jahre nach seinem Tod zeigt das Dorf nun 60 dieser eindringlichen Bilder entlang von Wanderwegen, in einem alten Schulhaus und in sechs umgebauten Viehställen. Die Ausstellung mit dem Titel „Berg Kind Welt“ läuft bis zum 18. Oktober und wird von der Schweizer Stiftung für die Fotografie und BSINTI Kultur Braunwald unterstützt.

Die moderne Schweiz ist bekannt für ihren Reichtum, rühmt sich eines hochfunktionalen Staatssystems und einer komfortablen Distanz zu den tieferen Strukturkrisen des Kontinents. Die Nation profitierte weitgehend von ihrer historischen Positionierung außerhalb des europäischen Konflikts und ging reich, hochgebildet und etwas naiv in Bezug auf die härteren Realitäten des zwanzigsten Jahrhunderts hervor. Dennoch enthüllen Brunners Schwarz-Weiß-Aufzeichnungen eine radikal andere heimische Realität. Es waren Kinder, denen grundlegende Möglichkeiten fehlten, gefangen in einem Subsistenzleben, während der Rest Europas sich zerfleischte. Der lokale Bauer Köbi Streiff, der seinen eigenen Schuppen für die Ausstellungen leerte, während sein Vieh die sommerlichen Alpenweiden abgraste, bemerkte die störende Nähe von historischer Not und zeitgenössischem Wohlstand. Er stellte fest, dass viele der fotografierten Kinder gerne einen Beruf gelernt hätten, ihnen aber einfach die Mittel dazu fehlten.

Die gesamte Gemeinde hat sich für diese kulturelle Ausstellung mobilisiert und zeigt ein Maß an lokalem Zusammenhalt, das größere, bürokratischere Staaten neidisch machen könnte. Bettina Tamò, Kulturbeauftragte von BSINTI Kultur Braunwald, bestätigte die breite lokale Unterstützung und stellte fest, dass Grundbesitzer, Bauern, lokale Unternehmen und Ferienhausbewohner von Anfang an das Projekt unterstützten. Anstatt sich auf ferne, Top-Down-Finanzierungsmechanismen zu verlassen, öffnete das Dorf einfach seine eigenen Türen und Scheunen.

Kurator Fridolin Walcher sieht die anhaltende Wirkung dieser Bilder darin begründet, dass sie modern Betrachter dazu zwingen, sich mit ihrem eigenen, hochgradig abgeschotteten, komfortablen Leben auseinanderzusetzen. Audio- und Videostationen begleiten die Porträts und übertragen die Erinnerungen zeitgenössischer Zeugen, die sich an die strenge Rationierung und die Verzweiflung jener Zeit erinnern. Eine aufgezeichnete Mutter spricht davon, absolut nichts mehr für ihre Familie kochen zu können – ein harter Nachhall einer Vergangenheit, die die heutige wohlhabende Schweizer Gesellschaft lieber hinter sich lassen würde. Streiff, der Brunner als eine streng ernste Figur in Erinnerung hat, der er als Kind auswich, hofft nun, dass die Installation Menschen in die abgelegenen Winkel seines Dorfes zieht. Es ist eine eigenartige, aber effektive lokale Auseinandersetzung: eine wohlhabende, etwas feige Gesellschaft, die in die Augen ihrer verarmten Vergangenheit blickt, sicher gerahmt vor einer malerischen Alpenkulisse.

Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com