Als die Automatisierung erstmals das Orchester traf

Lange bevor digitales Streaming physische Medien auslöschte, verwandelte Schweizer Präzisionshandwerk Musik in eine Kapitalanlage.

When Automation First Struck the Orchestra

Lange bevor digitale Algorithmen die Arbeitskosten in der Unterhaltung optimierten, stellten Gastwirte des neunzehnten Jahrhunderts ihre eigenen strengen Berechnungen an. Nacht für Nacht ein ganzes Orchester zu bezahlen, war teuer; ein massives Holzgehäuse zu kaufen, das mit Pneumatikschläuchen, Papierrollen und mechanischen Violinen ausgestattet war, war eine einmalige Kapitalinvestition. Werbebroschüren aus dieser Zeit zeigen, wie Barbesitzer damit prahlten, wie schnell sich diese Orchestrions amortisierten und leise eine frühe Welle der kommerziellen Automatisierung einleiteten.

Heute befindet sich dieses mechanische Erbe in Seewen, Kanton Solothurn, im Museum für Musikautomaten. Die Institution – eine von nur vier landesweit unter direkter Verwaltung des Bundesamtes für Kultur – verdankt ihre Existenz dem Sammler Heinrich Weiss, der seine riesige Sammlung von Schweizer Spieluhren, Orchestrions, Phonographen und Grammophonen 1990 der Schweizerischen Eidgenossenschaft vermachte. Die Verwaltung eines solch speziellen Bundesgutes obliegt Michelle Ziegler, die im Juni die Leitung des Museums als erste Direktorin übernahm. Sie überarbeitet derzeit die Bildungsangebote für Schulen und plant gezielte Ausstellungen, um das Profil des Museums zu schärfen.

Die Sammlung offenbart ein eigenständiges Kapitel der Schweizer Fertigungsindustrie. Lange bevor lokale Tüftler in den 1950er Jahren in Hinterzimmern und Kellern futuristische Jukeboxen wie die „Chantal“ bauten, dominierte die französischsprachige Jura-Region – insbesondere Sainte-Croix und L’Auberson – die weltweite Produktion hochwertiger Spieluhren. Ähnlich wie die Uhrmacherei stützte sich dieser Handel auf dezentrale Heimarbeit. Frauen verbrachten endlose Stunden auf regionalen Bauernhöfen als Zuverdienerinnen, indem sie einzelne Metallstifte manuell in Zylinder einführten. Die daraus resultierenden Instrumente, wie die „Mira“-Scheibenspieldose mit Mahagonigehäuse, waren teure Luxusmöbelstücke für wohlhabende Haushalte und keine billigen Neuheiten.

Technologisch erreichten diese Maschinen eine bemerkenswerte Komplexität ohne einen einzigen Mikrochip. Orchestrions funktionierten mit Luftdruck und lasen perforierte Papierstreifen, bei denen Luftsaugung einzelne Instrumente in Klaviergehäusen auslöste. Fortgeschrittene Variationen, wie die „Violina“, verwendeten rotierende Rundbögen und mechanische Hebel, um die menschliche Fingerarbeit an echten Streichinstrumenten nachzuahmen.

Ob moderne digitale Medien neben diesen physischen Apparaturen ihren Platz haben, bleibt eine offene Frage für die Institution. Ziegler weist darauf hin, dass Smartphones und iPods Musik ähnlich wie ihre mechanischen Vorgänger speichern, jedoch müsste jede zukünftige Anschaffung eine klare Verbindung zur Schweizer Industriegeschichte aufweisen. Vorerst kehrt der Fokus zur physischen Bewegung zurück: Am 19. September eröffnet das Museum seine neue Ausstellung mit dem Titel „Tanzmotoren“, die sich auf historische Instrumente konzentriert, die darauf ausgelegt sind, Menschen auf die Tanzfläche zu bringen, sowie eine geplante Funktion, bei der Vintage-Jukeboxen live betrieben werden.

Verfasst von Sandy van Dongen

sandy.vandongen@alpineweekly.com