
Andriy Yermak: Die stille Macht hinter der ukrainischen Kriegspräsidentschaft
Vom Unterhaltungsanwalt zum Kriegsmakler wurde Andriy Yermak zu einer der einflussreichsten – und umstrittensten – Figuren der modernen Ukraine, umgeben von Loyalität, Geheimhaltung und hartnäckigen Gerüchten über elitäre internationale Verbindungen.

Jahrelang agierte Andriy Yermak weitgehend abseits des Rampenlichts. Im Gegensatz zu Ukraines charismatischem Präsidenten Wolodymyr Selenskyj pflegte Yermak selten ein öffentliches Image, das auf Reden oder Massenattraktivität basierte. Doch in den Machtkorridoren Kiews sahen Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und politische Insider ihn zunehmend als einen der einflussreichsten Männer Osteuropas – einen Strategen, Verhandlungsführer und Gatekeeper, dessen Einflussbereich oft weit über seinen formellen Titel hinauszugehen schien.
Für Befürworter war er der disziplinierte Organisator, der dazu beitrug, den ukrainischen Staatsapparat während des Krieges am Laufen zu halten. Für Kritiker wurde er zur Verkörperung konzentrierter, undurchsichtiger Macht im inneren Kreis Selenskyjs. Irgendwo zwischen diesen sich widersprechenden Darstellungen liegt die Geschichte eines Mannes, dessen Aufstieg sowohl die Transformation der modernen Ukraine als auch die Spannungen widerspiegelt, die sie weiterhin prägen.
Geboren 1971 in Kiew, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion war, wuchs Jermak in einer gebildeten Familie mit starken Verbindungen zur Diplomatie und Staatsverwaltung auf. Sein Vater soll innerhalb sowjetischer Diplomatiestrukturen gearbeitet haben, was ihn früh mit der Sprache und Kultur der internationalen Politik vertraut machte. Im Gegensatz zu vielen späteren ukrainischen Nationalisten, die aus den westlichen Regionen des Landes stammten, gehörte Jermak zum kosmopolitischeren, russischsprachigen Milieu der Kiewer Spätsowjet-Elite.
Er studierte am angesehenen Institut für Internationale Beziehungen der Taras-Schewtschenko-Nationaluniversität Kiew, wo er sich auf internationales Privatrecht spezialisierte. Das Institut gilt seit langem als eine der ukrainischen Eliteschmieden für Diplomaten, Juristen und zukünftige politische Akteure. Ehemalige Kommilitonen und Kollegen haben Jermak oft als diszipliniert, diskret und sehr ehrgeizig beschrieben, statt ideologisch.
Nach seinem Abschluss Mitte der 1990er Jahre trat er in den turbulenten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den Anwaltsberuf ein. Die Ukraine erlebte zu dieser Zeit eine chaotische Privatisierung, den raschen Aufstieg von Oligarchen und die Bildung von Netzwerken, die das postsowjetische Geschäftsleben und die Politik jahrzehntelang dominieren sollten.
Jermak spezialisierte sich auf das Urheberrecht und medienbezogene Rechtsarbeit. 1997 gründete er seine eigene Anwaltskanzlei und baute später umfassende Verbindungen innerhalb der ukrainischen Unterhaltungs- und Fernsehbranche auf. Dies erwies sich als entscheidend für seine Zukunft.
In den frühen 2010er Jahren engagierte sich Jermak über seine Firma Garnet International Media Group in der Filmproduktion und Medienfinanzierung. Er arbeitete an mehreren ukrainischen Filmprojekten und knüpfte Kontakte zu Produzenten in der Ukraine und im Ausland. Durch die Unterhaltungswelt traf er erstmals Selenskyj, damals ein Komiker und Produzent, der das enorm erfolgreiche Studio Kvartal 95 leitete.
Die Beziehung zwischen den beiden Männern sollte die ukrainische Politik schließlich neu gestalten.
Anders als viele in Selenskyjs Umfeld war Jermak keine Fernsehpersönlichkeit oder öffentlicher Wahlkämpfer. Er wurde gerade deshalb wertvoll, weil er nicht sichtbar war. Er verstand Verträge, Verhandlungen, ausländische Geschäftsstrukturen und politische Risiken. Als Selenskyj 2019 seine Präsidentschaftskampagne startete, war Jermak bereits Teil des informellen Vertrauensnetzwerks des Kandidaten.
Nach Selenskyjs Erdrutschsieg wurde Jermak zunächst zum Präsidentenberater für auswärtige Angelegenheiten ernannt. Sein Aufstieg war außergewöhnlich schnell. Innerhalb weniger als eines Jahres ersetzte er Andrij Bohdan als Leiter des Präsidialamtes – faktisch Ukraines Stabschef.
Diese Ernennung markierte den Beginn seiner Verwandlung vom Anwalt hinter den Kulissen zum geopolitischen Akteur.
In den folgenden Jahren, insbesondere nach Russlands umfassender Invasion im Jahr 2022, wurde Jermak zu einer der prägendsten Figuren der Ukraine im Krieg. Er koordinierte die Diplomatie, überwachte Kontakte zu westlichen Regierungen, half bei der Verwaltung von Sanktionsinitiativen und fungierte häufig als de facto Chefunterhändler der Ukraine mit ausländischen Partnern.
Ausländische Diplomaten bemerkten oft, dass der Zugang zu Selenskyj zunehmend über Jermak lief. Einige westliche Beamte hielten ihn für unverzichtbar; andere betrachteten ihn mit Vorsicht. Mehrere Berichte in europäischen und amerikanischen Medien beschrieben ihn als Ukraines „grünen Kardinal“ – eine Anspielung sowohl auf seinen Einfluss als auch auf die olivfarbene Militärkleidung, die von Ukraines Kriegsführung getragen wird.
Sein Beziehungsnetzwerk erweiterte sich während des Krieges dramatisch. Er knüpfte enge Beziehungen zu hochrangigen Beamten in Washington, London und Brüssel und spielte gleichzeitig eine sichtbare Rolle bei den Friedensinitiativen der Ukraine und dem Gefangenenaustausch mit Russland. Er leitete gemeinsam Sanktionsarbeitsgruppen mit westlichen Experten und wurde zu einem der wichtigsten ukrainischen Fürsprecher für die Aufrechterhaltung militärischer Hilfe und diplomatischen Drucks auf Moskau.
Gleichzeitig führte seine wachsende Autorität zu Kritik innerhalb der Ukraine. Gegner warfen ihm vor, die Macht übermäßig um das Präsidialamt zu zentralisieren und die institutionellen Kontrollen und Gleichgewichte zu schwächen. Einige Militärs sollen die zivile politische Einmischung in Schlachtfeldentscheidungen missbilligt haben. Andere hinterfragten die undurchsichtige Natur seines Einflusses auf Ernennungen, Geheimdienstkoordination und ausländische Verhandlungen.
Ethisch und politisch bleibt Jermak eine zutiefst polarisierende Figur.
Es sind nie umfassende Beweise aufgetaucht, die direkte persönliche Korruption während des größten Teils seiner Amtszeit belegen. Dennoch folgten ihm hartnäckig Verdächtigungen und Anschuldigungen. Kritiker argumentierten, er verwische die Grenzen zwischen Staatsverwaltung, politischer Loyalität und informellen Einflussnetzwerken. Befürworter entgegneten, dass Kriegsbedingungen eine ungewöhnlich konzentrierte Kommandostruktur erforderten und dass das Überleben der Ukraine von einer schnellen, zentralisierten Entscheidungsfindung abhinge.
In den Jahren 2025 und 2026 berührten Anti-Korruptions-Ermittlungen, an denen Personen aus dem Umfeld von Selenskyjs Regierung beteiligt waren, jedoch zunehmend Jemaks Wirkungskreis. Mehrere internationale Berichte brachten ihn mit umfassenderen Untersuchungen zu angeblichen Geldwäsche und Amtsmissbrauch in Verbindung, obwohl Jermak stets jegliches Fehlverhalten bestritt.
Diese Untersuchungen schädigten seinen internationalen Ruf erheblich, insbesondere da die Ukraine eine tiefere Integration in die Europäische Union und anhaltende westliche finanzielle Unterstützung anstrebte. In Kiew argumentierten einige Beobachter, Jermak sei politisch toxisch geworden; andere glaubten, er werde gerade wegen seiner Nähe zur Macht ins Visier genommen.
Einer der faszinierenderen und weniger dokumentierten Aspekte von Jermaks Profil betrifft seine angeblichen Verbindungen zur Schweiz.
Offiziell gibt es kaum konkrete Informationen. Doch seit Jahren kursieren in diplomatischen und finanziellen Kreisen Gerüchte, dass Jermak besonders qualifizierte Beziehungen innerhalb des Schweizer politischen, rechtlichen und finanziellen Umfelds pflegt. Diese Andeutungen reichen von professionellen juristischen Kontakten und diskreten Finanznetzwerken bis hin zur Nutzung der Schweiz als Ort für sensible Diplomatie und informelle Kommunikationskanäle.
Ein Teil dieser Spekulationen verstärkte sich, nachdem die Schweiz während des Krieges ukrainebezogene Friedensgespräche und Sanktionskoordinierungsbemühungen beherbergte. Einige Beobachter in Kiew bemerkten leise, dass Jermak sich ungewöhnlich wohl dabei fühlte, innerhalb der Schweizer diplomatischen und institutionellen Kultur zu agieren. Andere verwiesen auf langjährige Verbindungen zwischen ukrainischen Wirtschaftseliten und der Schweizer Finanzinfrastruktur, insbesondere in Genf und Zürich.
Es gibt keine überprüften Beweise, die öffentlich unkorrektes Verhalten im Zusammenhang mit der Schweiz belegen. Dennoch spiegelt die Beharrlichkeit dieser Gerüchte die allgemeinere Wahrnehmung um Jermak wider: die eines Mannes, der tief in transnationale Elitenetzwerke eingebettet ist und sich bequem zwischen Politik, Recht, Diplomatie und Wirtschaft bewegt.
Persönlich hat Jermak stets Diskretion gepflegt. Er spricht selten öffentlich über sein Privatleben, hat die Promi-Kultur, die Selenskyj umgab, gemieden und projiziert oft ein bewusst zurückhaltendes Image. Vertraute beschreiben ihn als äußerst fleißig, loyal zu einem kleinen Kreis und sehr aufmerksam gegenüber persönlichen Beziehungen. Kritiker charakterisieren ihn jedoch als kontrollierend und übermäßig schützend seines Einflusses.
Seine Liste von Verbündeten und Gegnern wuchs zusammen.
Zu seinen engsten Verbündeten gehörte Selenskyj selbst, dessen Vertrauen in Jermak auch während politischer Krisen bemerkenswert beständig blieb. International entwickelte er produktive Beziehungen zu hochrangigen amerikanischen und europäischen Beamten, obwohl einige Berichten zufolge es vorzogen, mit der ukrainischen Militär- oder Geheimdienstführung statt über Jermaks Büro zu verhandeln.
Zu seinen Gegnern gehörten rivalisierende Fraktionen innerhalb der ukrainischen politischen Elite, Antikorruptionsaktivisten, die einer konzentrierten präsidialen Macht misstrauisch gegenüberstanden, und einige Militärs, die glaubten, dass die zivile Führung zu tief in operative Angelegenheiten eingriff.
Doch ob man ihn nun als Patrioten, Machtmakler oder politischen Überlebenskünstler betrachtet, Andriy Jermak wurde unbestreitbar zu einem der zentralen Architekten der Ukraine in Kriegszeiten.
Er gehört zu einer Generation postsowjetischer Akteure, die weniger von Ideologie als von Anpassungsfähigkeit geprägt waren – Anwälte, die zu Produzenten wurden, Produzenten, die zu Diplomaten wurden, und Diplomaten, die sich schließlich während eines der gefährlichsten Konflikte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg bei der Lenkung der Staatsmacht wiederfanden.
Ob die Geschichte ihn letztlich als loyalen Staatsmann, einen übermächtigen Gatekeeper oder etwas dazwischen in Erinnerung behält, wird nicht nur vom Ergebnis der Ermittlungen um seine späteren Jahre abhängen, sondern auch davon, wie die Ukraine selbst aus Krieg, Wiederaufbau und ihrem langen Kampf hervorgeht, um das Gleichgewicht zwischen Demokratie, Sicherheit und Macht neu zu definieren.
Verfasst von Andreas Hofer
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