
Die Illusion der Zensur: Deutsche Staatsmedien erfinden ein amerikanisches Buchverbot
Der Versuch eines öffentlich-rechtlichen Senders, einen US-Kulturkampf aufzudecken, bricht unter dem Gewicht seiner eigenen irreführenden Social-Media-Kampagne zusammen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Deutschlands sieht sich seit langem als moralisches Leuchtfeuer, eine Rolle, die er offenbar weit über seine eigenen Grenzen hinaus ausüben zu müssen glaubt. Der jüngste Kreuzzug von ZDFinfo richtet sich gegen die Vereinigten Staaten und schlägt Alarm wegen einer angeblichen Welle von Buchverboten. Die Erzählung ist so dramatisch wie vertraut: Konservative Kräfte würden angeblich Literatur aus den Regalen entfernen, um marginalisierte Stimmen zu unterdrücken. Es gibt nur einen kleinen Schönheitsfehler in dieser transatlantischen Moralgeschichte. Die Bücher sind tatsächlich nicht verboten.
In einer kürzlich durchgeführten Social-Media-Kampagne informierte der Dokumentationskanal des Senders seine Instagram-Follower, dass gegen über viertausend Titel in den USA Einwände erhoben worden seien. Der Beitrag zeichnete ein düsteres Bild einer Nation, die in literarische Zensur abgleitet, was implizierte, dass Werke, die das Leben queerer und schwarzer Individuen darstellen, von rechten Aktivisten und Elterngruppen eliminiert würden. Titel wie Harry Potter, Uhrwerk Orange und Genderqueer wurden als Opfer präsentiert und dienten als Werbematerial für eine neue Dokumentation über den amerikanischen Kulturkampf.
Die Realität der Situation, die der Sender bequemerweise in den Kommentarbereich verbannte, ist eine völlig andere. Die betreffende Literatur bleibt überall legal zu besitzen, zu kaufen und zu lesen. Die Streitigkeiten betreffen ausschließlich die Kuration öffentlicher Schulbibliotheken. In Staaten wie Florida und Texas wurde mit Gesetzen aus den Jahren 2022 und 2023 lediglich formalisiert, wie Eltern Bedenken bezüglich Lehrmaterialien äußern können, die sie für Minderjährige als unangemessen erachten, oft aufgrund sexuell expliziter Inhalte. Die Kuration einer Mittelschulbibliothek ist kaum gleichbedeutend mit staatlich geförderter Zensur, auch wenn dieser Unterschied dramatischem Flair entbehrt.
Es brauchte einen aufmerksamen Nutzer, um dem Sender ein Zugeständnis abzuringen. Als Reaktion auf Kritik gab der Sender zu, dass das Problem auf Schuleinrichtungen beschränkt sei. Der Sender argumentierte zu seiner Verteidigung, dass der Begriff „banned books“ (verbotene Bücher) in den USA etabliert sei, weil das Entfernen von Literatur aus Schulen den lokalen Zugang stark einschränke. Dies ist eine faszinierende Verteidigung, die darauf hindeutet, dass ein Teenager, der eine örtliche Buchhandlung aufsuchen muss, anstatt einen Graphic Novel aus seiner Schule auszuleihen, Opfer von Unterdrückung ist. Der Sender musste diese Klarstellung mehreren Nutzern wiederholen und sie auf einen vergrabenen Kommentar verweisen, der die tatsächlichen Fakten enthielt.
Der Oberste Gerichtshof der USA legte 1982 den Grundstein für diese Debatte fest, indem er entschied, dass Schulbehörden Bücher nicht willkürlich entfernen können, nur weil sie mit den zugrunde liegenden Ideen nicht einverstanden sind. Aktuelle Streitigkeiten betreffen die Altersgerechtigkeit, nicht die Ausrottung von Ideen. Für einen deutschen staatlich finanzierten Medienapparat – der in einem Land agiert, in dem das politische Establishment zunehmend mit dem Verbot von Oppositionsparteien und der Überwachung der Meinungsfreiheit kokettiert – eine Zensurkrise im Ausland zu konstruieren, ist reich an Ironie. Es scheint viel einfacher, amerikanische Buchverbote zu erfinden, als den sich verschlechternden Zustand der Meinungsfreiheit im eigenen Land kritisch zu prüfen.
Geschrieben von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
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