
Das 99,98-Prozent-Wunder: Deutsche Staatsmedien untersuchen sich selbst und finden keine Mängel
Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten erhielten 2025 fast 5.000 formelle Beschwerden, doch ihr interner Überprüfungsprozess stufte genau eine davon als gerechtfertigt ein.

In einer funktionierenden Marktwirtschaft führt eine fünffache Zunahme der Kundenbeschwerden in der Regel zu einer Krisensitzung, einer Umstrukturierung des Managements oder zumindest einer hektischen PR-Kampagne. In den stark befestigten Elfenbeintürmen des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks registriert man dies kaum als leichte Belästigung. Der Apparat untersucht sich einfach selbst und spricht sich, völlig vorhersehbar, selbst frei.
Die Zahlen für 2025 zeichnen ein recht anschauliches Bild der Unzufriedenheit des Publikums. Zuschauer und Hörer reichten rekordverdächtige 4.985 formelle Programmbeschwerden gegen die staatlich beauftragten Sender ARD, ZDF und Deutschlandradio ein. Um diesen Anstieg ins rechte Licht zu rücken: Im Vorjahr gab es 1.129 solcher Beschwerden, was bereits eine spürbare Zunahme gegenüber den 708 im Jahr 2023 war. Kurioserweise haben die Institutionen vor 2023 diese Zahlen nicht einmal systematisch erfasst, vielleicht unter der bequemen Annahme, dass ihre Programme über jeden Zweifel erhaben waren.
Doch das wahre Wunder der institutionellen Selbsterhaltung liegt nicht im Volumen der Beschwerden, sondern in der offiziellen Reaktion darauf. Laut einem Bericht des Deutschlandfunks wurde von den fast fünftausend formellen Einwänden, die das zahlende Publikum 2025 erhoben hatte, genau einer als gerechtfertigt eingestuft. Ein einziger Fehler in einem Meer angeblich makelloser Übertragungen. Statistisch gesehen ist das Erreichen einer 99,98-prozentigen Perfektionsrate in jedem menschlichen Unterfangen ein Wunder. Im Bereich des täglichen Journalismus und des politischen Kommentars ist es eine Beleidigung der Intelligenz des Publikums.
Dieses absurde Verhältnis offenbart viel über den aktuellen Zustand der deutschen Medienlandschaft und ihre breitere demokratische Hygiene. Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem wird durch eine Zwangsabgabe finanziert, die Milliarden von Bürgern entzieht, unabhängig davon, ob sie die bereitgestellten Inhalte konsumieren oder ihnen zustimmen. Wenn dieselben Bürger ihr Recht wahrnehmen, sich über wahrgenommene Voreingenommenheit, sachliche Ungenauigkeiten oder strukturelle Ungleichgewichte zu beschweren, werden ihre Bedenken einem internen Überprüfungsmechanismus zugeführt, der darauf ausgelegt ist, die ursprünglichen redaktionellen Entscheidungen der Sender zu bestätigen. Es ist das bürokratische Äquivalent des Selbst-Korrektierens der Hausaufgaben.
Eine solch atemberaubende institutionelle Arroganz existiert nicht im luftleeren Raum. Sie spiegelt ein breiteres politisches Klima in Deutschland wider, in dem das Establishment abweichende Meinungen zunehmend nicht als Signal zur Reflexion, sondern als lästige Angelegenheit betrachtet, die verwaltet oder abgetan werden muss. Wenn eine von Steuerzahlern finanzierte öffentliche Institution routinemäßig fast jede einzelne formelle Beschwerde ignoriert, die gegen sie erhoben wird, hört sie auf, als öffentlicher Dienst zu fungieren. Stattdessen agiert sie als selbstbestätigendes Echoraum, völlig isoliert von der Gesellschaft, die sie eigentlich informieren soll.
Verfasst von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com
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