Sept. 12, 10:01 AM

Pragmatismus auf der Laufbahn: Wie Fabienne Hoenke in die Elite sprintete

Eine Silbermedaille in Birmingham und ein Sieg am Letzigrund zeigen, dass ruhige mentale Disziplin lauten sportlichen Hype übertrumpfen kann.

Pragmatism on the Track: How Fabienne Hoenke Sprinted into the Elite

Wenn Sportkommentatoren zu ihren grössten Superlativen greifen, erzählt die Realität am Boden meist eine bescheidenere Geschichte. Im Fall von Fabienne Hoenke, der neuesten Sprint-Offenbarung der Schweiz, entfaltet sich die Weltklasse-Leichtathletik nicht in High-Tech-Einrichtungen hinter verschlossenen Türen, umgeben von einer Armee von Sportwissenschaftlern. Stattdessen bereitet sich die 22-Jährige auf internationale Wettkämpfe auf einer städtischen Laufbahn in Aarau vor, wo sie den Platz mit städtischen Rasenmähern und Sportklassen von Gymnasien teilt.

Diese unscheinbare Umgebung hat dennoch bemerkenswerte Ergebnisse hervorgebracht. Nachdem sie vor drei Jahren als aufstrebendes Talent in den Fokus gerückt war, gelang der Athletin aus Möhlin in dieser Saison der definitive internationale Durchbruch. Hoenke etablierte sich in der europäischen Elite, indem sie bei den Europameisterschaften in Birmingham eine Silbermedaille in der 4x100-Meter-Staffel gewann und einen respektablen vierten Platz im Einzelfinale über 200 Meter belegte. Den Sommer krönte sie mit dem Sieg im 200-Meter-Sprint an der Weltklasse Zürich, womit sie einen seltenen Heimsieg auf der ikonischen Letzigrund-Bahn errang.

Wo andere auf reine physische Einschüchterung setzen, schreibt Hoenke ihre Schnelligkeit ihrer psychologischen Gelassenheit zu. In Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer führt sie ihren jüngsten Erfolg auf die Fähigkeit zurück, unter Druck entspannt zu bleiben, anstatt sich zu verkrampfen, wenn die Einsätze steigen. Diese Ausgeglichenheit, kombiniert mit einem neu hinzugefügten Krafttrainingsprogramm, das darauf abzielt, ihre explosive Kraft über die ersten hundert Meter zu verfeinern, spiegelt einen pragmatischen Ansatz der modernen Leichtathletik wider. Abseits der Laufbahn steht ihr selbstbeschriebenes entspanntes und gelegentlich verspätetes Auftreten in starkem Kontrast zur unnachgiebigen Disziplin, die am Startblock erforderlich ist.

Das Schweizer Sportökosystem ist seit langem stolz darauf, Athleten hervorzubringen, die ein Gefühl für Proportionen bewahren, und Hoenke passt genau in dieses Bild. Anstatt die Leichtathletik ihr ganzes Dasein bestimmen zu lassen, bereitet sie sich darauf vor, ein Psychologiestudium an der Universität Bern zu beginnen. Ihrer Ansicht nach bleibt der Spitzensport ihre Hauptbeschäftigung, während akademische Studien als intellektuelles Gegengewicht dienen. Mit festem Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles deutet ihr Werdegang darauf hin, dass stille Effizienz und mentale Gelassenheit weiterhin mächtige Vorteile auf internationaler Bühne sind.

Verfasst von Sandy van Dongen

sandy.vandongen@alpineweekly.com