Das bürokratisierte Biest: Wie Kunst die Wolfsbesessenheit der Schweiz widerspiegelt

Eine Ausstellung im Kunsthaus Zofingen entkleidet die politische Hysterie, um eine von Kontrolle besessene Gesellschaft zu enthüllen.

The Bureaucratized Beast: How Art Mirrors Switzerland’s Wolf Obsession

Nur wenige Kreaturen reizen den komfortabel geordneten Schweizer Geist so sehr wie der Wolf. Zwischen politischen Debatten über Abschussquoten und ländlichen Ängsten ist der Prädator längst nicht mehr nur ein Tier; er ist ein ideologisches Schlachtfeld. Im Kunsthaus Zofingen jedoch tritt die aktuelle Ausstellung mit dem Titel Der Wolf in der zeitgenössischen Kunst einen Schritt zurück von der hysterischen Rhetorik, um zu untersuchen, warum dieser Hund die kollektive Psyche weiterhin heimsucht.

Beim Betreten begegnen die Besucher fünfzehn lebensgrossen Holzwölfen, geschnitzt mit groben Kettensägenschnitten des Nidwaldner Bildhauers Rochus Lussi. Diese Figuren – heulend, kauernd, spielend – zwingen die Öffentlichkeit mitten ins Rudel. Lussis Werk wirft eine leise, unbequeme Frage auf, ob moderne Menschen, eingeschlossen in ihren sicheren, streng regulierten Rückzugsorten, die Opfer der Natur oder deren ultimative Gefangene sind.

Die Ausstellung verzichtet bewusst darauf, eine Lektion in Biologie zu vermitteln. Die künstlerische Leiterin Eva Bigler konzentriert sich stattdessen auf den Wolf als Gefäss für menschliche Widersprüche: Freiheit versus Bedrohung, Wildnis versus Kontrolle. Dieses Paradox wird in Chantale Demierres Installation mit dem Titel Rollwölfe explizit. Indem sie Bleistiftporträts von Wölfen auf sechsundvierzig Tontauben zeichnet – entsprechend der genauen Anzahl der 2024 in der Schweiz erlegten Wölfe – verdeutlicht die Künstlerin, wie schnell Wildtiere im Namen des Ressourcenmanagements zur Zielscheibe werden.

Sophie Schmidt treibt diese Besessenheit mit der Ordnung einen Schritt weiter, indem sie sechzehn Seiten des eidgenössischen Jagdgesetzes physisch zu überdimensionalen Wanddarstellungen vergrössert. Vor riesigen Blättern des Gesetztesjargons stehend, erkennt man, dass der moderne Wolf in der Schweiz weniger im Wald als im Gesetzestext existiert. Währenddessen untergräbt die Malerin Andrea Nyffeler klassische Folklore mit einer Serie von Rotkäppchen-Porträts, die die traditionelle Opferrolle zugunsten eines direkten, trotzigen Blicks auf den Betrachter ablegen.

Anstatt einfache politische Kompromisse anzubieten, entblösst die Zofinger Ausstellung eine wohlhabende, risikoaverse Gesellschaft, die sich mit einem Wesen auseinandersetzt, das sie nicht vollständig kodifizieren oder domestizieren kann. Sie deutet darauf hin, dass die heftigen innenpolitischen Debatten über das Raubtiermanagement weit weniger über das Tier selbst aussagen als über den menschlichen Impuls, jeden letzten Winkel des Daseins zu bürokratisieren.

Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com