Sept. 11, 8:01 AM

Patriarchale Ordnung am Bosporus

Eine geworfene Wasserflasche veranlasste den Trainer von Fenerbahçe zum Rücktritt, doch die Autorität beim türkischen Klub funktioniert nach anderen Regeln.

Patriarchal Order on the Bosphorus

Im modernen Profifußball ist der Rücktritt eines Managers meist ein formeller, wenn auch bitterer Abschluss einer Phase unhaltbarer Reibungen. Bei Fenerbahçe entpuppt sich der Rücktritt jedoch als eine multilaterale Transaktion, die der Zustimmung des Präsidenten bedarf. Als eine von den Rängen geworfene Wasserflasche Trainer Ismail Kartal während eines 1:1-Unentschiedens in der Champions League gegen die Roma traf, beschloss der 65-Jährige, dass er genug ertragen hatte. Er verkündete der Presse, dass er zurücktreten werde, um dem Verein den Weg freizumachen, und erklärte seinen Abschied für absolut.

Doch sein großer Abgang dauerte nur wenige Minuten. Bevor die Tinte auf seiner Rücktrittserklärung trocknen konnte, trat Fenerbahçe-Präsident Aziz Yildirim vor die Kameras, um die Entscheidung des Trainers für ungültig zu erklären. Mit unnachgiebigem Paternalismus wischte Yildirim das Drama beiseite und teilte Reportern mit, dass Kartal in seiner Position bleibe. Indem er darauf hinwies, dass er der Ältere des Trainers sei, bekräftigte der Präsident, dass sein Befehl endgültig sei, und umrahmte die administrative Hierarchie mit einer einfachen Begründung: Wir sind eine Familie.

Die zugrunde liegende Spannung spiegelt das erstickende Umfeld wider, das den Istanbuler Riesen umgibt. Kartal hatte sich bereits über immensen Druck beschwert, bevor ein Wurfgeschoss eines Zuschauers seinen Kopf traf. Obwohl der Klub über soziale Medien bestätigte, dass die verantwortliche Person identifiziert und vom Stadion ausgeschlossen wurde, kann das größere strukturelle Unbehagen auf der Bank nicht allein durch Sicherheitspersonal gelöst werden.

Für Kartal ist dies kaum Neuland. Seine Geschichte mit Fenerbahçe erstreckt sich über Jahrzehnte, darunter zehn Jahre als Spieler und Assistenztrainer während der letzten beiden Meisterschaftskampagnen des Klubs in der Süper Lig. Seine Amtszeit als Trainer gleicht einer Drehtür; nach Engagements in den Jahren 2014-15, einer Interimszeit 2021-22 und einer Saison 2023-24 markierte seine Rückkehr im Juni seine vierte Amtszeit an der Spitze.

Diese Geschichte trägt das Gewicht unerbittlicher Erwartungen. Fenerbahçe hat die letzten fünf Spielzeiten auf dem zweiten Platz der türkischen Top-Liga verbracht. Die Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League in dieser Saison – ein Meilenstein, der zum ersten Mal seit 18 Jahren erreicht wurde – bot einen Einblick in den Fortschritt, doch ein Heimunentschieden gegen einen europäischen Wettbewerber entfachte schnell wieder Unruhen im Publikum. Ob ein Veto eines hochrangigen Funktionärs feindseligen Druck in Erfolg auf dem Spielfeld umwandeln kann, bleibt eine offene Frage, die die Hierarchie von Fenerbahçe offenbar gerne testen möchte.

Geschrieben von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com