Wenn Bäume Räder brauchen, ist der Stadt bereits der Platz ausgegangen

Solothurn testet mobile Ahornbäume auf dem Klosterplatz, um einen versiegelten Platz zu kühlen und Zeit für eine zukünftige Umgestaltung zu gewinnen.

When Trees Need Wheels, the City Has Already Run Out of Space

Die Mittagssonne brennt auf den Solothurner Klosterplatz, doch unter den Bäumen ist es spürbar kühler. Das ist kaum ein Wunder, sondern lediglich eine Erinnerung daran, dass Städte Jahrzehnte damit verbracht haben, Oberflächen zu versiegeln und dann überrascht waren, wenn der Sommer sie in Bratpfannen verwandelte. Solothurn versucht nun einen anderen Ansatz: Fünf Ahornbäume, nicht im Boden, sondern in Stahltrögen gepflanzt, stehen als temporäre Schattenspender und, ziemlich geschickt, als Testfall auf dem Platz.

Es geht nicht nur darum, den Ort zu kühlen. Die Stadt möchte den Klosterplatz von einem Parkplatz in einen Verweil- und Begegnungsort verwandeln, und das politische Mandat ist klar genug. Andreas Filosi, Leiter Bau und Umwelt, sagt, die mobilen Bäume geben der Stadt Raum zum Experimentieren, bevor das endgültige Design feststeht. Mit anderen Worten, es ist eine Planung mit etwas weniger Prahlen und etwas mehr Realitätssinn.

Die Idee selbst ist nicht neu. Neu ist der Versuch, sie richtig zu messen. Im vom Bund unterstützten Forschungsprojekt Mobile Urban Green hat die Berner Fachhochschule untersucht, wie stark der Kühlungseffekt von Bäumen wirklich ist und welche soziale Rolle sie im urbanen Raum spielen. Die Forscher berücksichtigten Baumhöhe, Kronengröße, Stammdicke, Wasserverbrauch, Verdunstung und die Dichte des Laubes. Die entscheidende Größe ist nicht die Lufttemperatur, sondern die gefühlte Temperatur – wie Hitze tatsächlich empfunden wird, wenn Sonne, Feuchtigkeit und Wind berücksichtigt werden.

Stefan Jack, der das Team an der Berner Fachhochschule leitet, sagt, das Ergebnis sei frappierend gewesen: Im Schatten eines Baumes kann die gefühlte Temperatur selbst an einem heißen Sommertag um 13 bis 19 Grad sinken, während versiegelte Flächen weit über 40 Grad erreichen können. Das ist eine beträchtliche Lücke, und eine, die den Fall für Stadtbäume überzeugender macht, als es eine weitere Runde städtischer Slogans jemals könnte.

Bauer Baumschulen AG, die seit langem mobile Bepflanzung anbietet, ist ebenfalls beteiligt. Sebastian Mühlemann, der dort das Projekt leitet, sagt, dem Unternehmen fehlten zuvor harte Zahlen zum Kühlungseffekt. Ziel ist es nun, die gesammelten Daten zu nutzen, um so präzise wie möglich vorherzusagen, wo mobile Bäume am meisten nützen werden, und verschiedene Szenarien zu simulieren, bevor ein Platz neu gestaltet wird.

Die Tröge selbst kommen mit einem technischen Upgrade: einem integrierten Wassertank mit bis zu 800 Litern Fassungsvermögen, plus einem Sensor, der signalisiert, wann er nachgefüllt werden muss. Die Idee ist einfach genug. Der Baum hat immer Zugang zu Wasser und kann Hitzewellen besser überstehen. Die Tröge sind teurer als herkömmliche Modelle, aber der geringere Bewässerungsaufwand und die längere Lebensdauer der Bäume könnten laut Mühlemann langfristig Geld sparen.

Dennoch geben selbst die Enthusiasten zu, dass der beste Platz für einen Baum in der Erde ist, nicht in einem Behälter. Die mobile Version ist ein Kompromiss, nützlich gerade weil so viele Orte bereits gepflastert wurden. Auf dem Klosterplatz ist dieser Kompromiss temporär. Eine Entscheidung über die Zukunft des Platzes wird im Herbst erwartet, und die Bäume könnten dann woanders hingebracht werden, um einen anderen Ort für eine Weile zu kühlen. Es ist eine praktische Lösung, was in der Stadtpolitik oft dasselbe ist wie ein Geständnis.

Verfasst von Thomas Nussbaumer

thomas.nussbaumer@alpineweekly.com