
Wenn ein Pflegeheim seine Bewohner ernst nimmt
Das Wengistein in Solothurn praktiziert seit fast drei Jahrzehnten eine bescheidene Form der Demokratie – und der Bund hat die Idee erst jetzt entdeckt.

In der Schweizer Alterspflege wird Demokratie meist als dekoratives Konzept behandelt: angenehm zu erwähnen, weniger angenehm zu praktizieren. Doch das Alterszentrum Wengistein in Solothurn praktiziert seit fast drei Jahrzehnten etwas ziemlich Unmodisches. Es lässt Bewohner und Angehörige ein formelles Mitspracherecht bei der Führung des Hauses haben, und es scheint dieses radikale Experiment in Sachen Partizipation überlebt zu haben.
Hansruedi Moor, der das Zentrum leitet, führte vor fast 30 Jahren einen Bewohnerrat ein, weil die Institution, wie er es sieht, das Zuhause der Bewohner ist. Sie sollten in der Lage sein, Kritik, Vorschläge und Wünsche zu äussern. Es geht, so argumentiert er, um Lebensqualität, nicht um paternalistisches Management, das als Pflege getarnt ist. Esther Ludwig trat später der Leitung bei, und gemeinsam entwickelten sie den Rahmen, der nun als Modell für andere dient.
Das System ist bewusst schlicht. Rund zehn Bewohner sitzen im Rat und treffen sich sechsmal im Jahr. Sie fungieren als Vermittler, sammeln Anliegen und bringen sie der Zentrumsleitung vor. Die Bandbreite ist gross, von Beschwerden über nächtlichen Lärm bis hin zu grundlegenderen Fragen wie dem Personalbestand, sofern es sich nicht um eine rein individuelle Angelegenheit handelt. Ein Bewohnerrat ist keine Beschwerdebox mit besserem Branding; er soll filtern, diskutieren und verhandeln.
Da nicht jeder Bewohner sich selbst vertreten kann, gründete Wengistein einige Jahre später auch einen Angehörigenrat. Auch hier sind etwa zehn Angehörige beteiligt. Sie können für Bewohner sprechen, die zu gebrechlich oder zu stark von Demenz betroffen sind, um direkt teilzunehmen. Sie können auch um ihre Meinung zu einem Thema oder einem Kauf gebeten werden. Die Sitzungen sind formalisiert, mit einem Vorsitzenden, einer Tagesordnung und einem Protokoll. Die Leitung des Zentrums nimmt teil, denn Demokratie ohne die Verantwortlichen im Raum wäre kaum mehr als therapeutisches Theater.
Die Vereinbarung hat greifbare Ergebnisse erzielt. Auf Empfehlung des Bewohnerrats wurde beispielsweise ein Garten für Menschen in den Pflege- und Demenzabteilungen angelegt. Das mag bescheiden klingen, aber in der Langzeitpflege können selbst kleine Änderungen darüber entscheiden, ob sich ein Ort wie ein Zuhause oder wie eine Warteposition anfühlt.
Die Bundesregierung empfiehlt solche Räte nun, nachdem die Überprüfung der Pandemie gezeigt hat, wie sehr ältere Menschen in Institutionen unter Schutzmassnahmen wie Besuchsverboten oder Bewegungseinschränkungen leiden konnten. Das Dilemma war offensichtlich: schütze gefährdete Bewohner vor Infektionen und riskiere, sie sozial zu isolieren. Das Nationale Forschungsprogramm Covid-19 in der Gesellschaft der Schweiz, das vom Schweizerischen Nationalfonds geleitet wird, untersucht diese Folgen im Rahmen von 25 im Jahr 2021 gestarteten Projekten. Ein weiteres Projekt, geleitet von der Universität Basel und der Fachhochschule Nordwestschweiz, untersucht die Partizipation in der Langzeitpflege bis Ende 2027.
Curaviva sagt, Partizipation werde immer wichtiger und erwartet, dass mehr Heime Bewohner- und Angehörigenräte einführen. Richtlinien für Interessierte existieren bereits. Die Erfahrung des Wengistein deutet darauf hin, dass die Grundzutaten nicht besonders geheimnisvoll sind: Vertrauen, Routine und die Bereitschaft zuzuhören, bevor eine Krise eintritt. Moor drückt es unverblümter aus. Während der Kontaktverbote konnten die Räte nicht zusammentreten, aber der Dialog und das Vertrauen waren bereits aufgebaut. Mit anderen Worten, Partizipation lässt sich nicht wie Notbeleuchtung einschalten. Wenn Institutionen ein Sprachsystem wollen, das unter Druck funktioniert, sollten sie es besser installieren, bevor der Feueralarm losgeht.
Geschrieben von Christiane Hofreiter christiane.hofreiter@alpineweekly.com
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