
Die stille Feigheit der Berner Ordnung
Ein neuer Dokumentarfilm enthüllt, wie Schweizer Behörden und eine verschwiegene Gemeinschaft es einem verurteilten Sektenführer ermöglichten, junge Mädchen jahrzehntelang nach seiner Freilassung zu missbrauchen.

Wenn ein selbsternannter Prophet unendliche Energie aus dem Nichts verspricht, versammeln sich die Leichtgläubigen. Im ruhigen Berner Dorf Linden tat Paul Baumann genau das ab den 1950er Jahren, um sich herum sammelten sich etwa 300 gläubige Anhänger in einer geheimen christlich-fundamentalistischen Gemeinschaft namens Methernitha. Unter dem Vorwand spiritueller Reinigung und dem Versprechen des Zugangs zu einem wundersamen Gerät namens Testatika betrieb der als Vatti bekannte Mann ein System des Kindesmissbrauchs hinter Stacheldraht, das durch ein strenges Gebot absoluten Schweigens erzwungen wurde.
Dieses Schweigen wurde 1976 kurz unterbrochen, als ein neunzehnjähriges Opfer Baumann in Thun vor Gericht brachte, was zu einer siebenjährigen Haftstrafe führte. Doch wie Marina Klausers Dokumentarserie Der Engelmacher enthüllt, bot der Schweizer Justizapparat nichts weiter als eine vorübergehende Atempause. Am Tag seiner Verurteilung griff Baumann unter dem Vorwand, sich von seiner Familie zu verabschieden, eine Gruppe Mädchen in einem Teppichlager an. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis war sein unmittelbares Ziel das Mädchenhaus zurück in Linden.
Weit davon entfernt, ihn abzuschrecken, folgte der Haftzeit eine Eskalation. Ehemalige Mitglieder berichten von mindestens zehn Mädchen und Frauen, die nach seiner Rückkehr Baumann zum Opfer fielen, wobei das Ausmaß des Missbrauchs sogar seine Aktivitäten vor der Verurteilung übertraf. Der Missbrauch endete weder durch Polizeieinsatz, behördliche Sorgfalt noch durch Empörung der Gemeinschaft. Er hörte erst auf, als die Natur ihren Lauf nahm und das Alter dem Sektenführer seine körperliche Leistungsfähigkeit nahm.
Das institutionelle Versagen im Berner Land ist frappierend. Das Gerichtsurteil von 1976 schrieb ausdrücklich eine Nachbetreuung für Baumann nach seiner Entlassung vor. Stattdessen sahen die Schweizer Behörden jahrzehntelang weg und demonstrierten eine naive, fast vorsätzliche Blindheit. Die Aufrechterhaltung der Illusion eines geordneten ländlichen Friedens hatte offensichtlich Vorrang vor der Durchsetzung des Gesetzes gegen einen verurteilten Straftäter.
Als sich die Gelegenheit bot, diese Versäumnisse im neuen Dokumentarfilm anzusprechen, lehnten sowohl die Gemeinde Linden als auch die Organisation Methernitha, die heute noch existiert, eine Stellungnahme ab. Jahrzehnte später ist die Neigung, sich hinter verschlossenen Türen zu verstecken, noch immer intakt.
Verfasst von Thomas Nussbaumer



