Die vorhersehbare Tragödie des Berliner Christopher Street Days

Nach einem tödlichen Fahrzeugangriff suchen die Behörden fieberhaft nach einem bekannten Islamisten, was die bekannten Fragen zur Fähigkeit des Staates, gefährliche Personen zu kontrollieren, aufwirft.

The Predictable Tragedy of Berlin's Christopher Street Day

Die Nachwirkungen öffentlicher Feierlichkeiten in europäischen Hauptstädten folgen zunehmend einem düsteren und vertrauten Muster. Nach einem tödlichen Anschlag am Berliner Christopher Street Day am Samstagabend suchen die Behörden erneut nach einem Verdächtigen, der ihnen bereits gut bekannt war. Ein einundzwanzigjähriger Mann, identifiziert als Abdul B., ist Gegenstand einer intensiven Fahndung, nachdem ein weißer Kleinbus gegen 22 Uhr abends in eine Menschenmenge fuhr. Der Fahrzeugangriff, kombiniert mit offenbar ausgeführten Messerangriffen, verletzte mehrere Personen und führte zum Tod einer Frau. Die Generalstaatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt behandeln den Vorfall als mutmaßlichen Terroranschlag.

Wie so oft bei solchen Tragödien, ist der Verdächtige nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Abdul B. stand fest auf dem Radar der Strafverfolgungsbehörden, wurde der Berliner islamistischen Szene zugeordnet und war im religiös motivierten Kontext bekannt. Im Jahr 2005 geboren, wurde er erst im Mai dieses Jahres aus der Jugendhaft entlassen, wobei die genauen Verbrechen, die ihn dorthin brachten, ein Rätsel bleiben. Trotz dieser Vorgeschichte konnte er offenbar den weißen Kleinbus mieten, der später verlassen und stark beschädigt an einem Baum im Bezirk Tiergarten gefunden wurde. Der Staatsapparat scheint durchaus in der Lage zu sein, Akten über gefährliche Personen zu führen, doch seltsamerweise ohnmächtig, wenn es darum geht, sie daran zu hindern, schwere Fahrzeuge zu erwerben.

Die anschließende Reaktion der Polizei war erwartungsgemäß robust, wenn auch vollständig retrospektiv. Schwer bewaffnete Spezialkräfte stürmten kurz nach ein Uhr morgens die registrierte Adresse des Verdächtigen in der Bissingzeile, an der Grenze zwischen Tiergarten und Schöneberg. Sie fanden eine Wohnung vor, in der er Berichten zufolge mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebte, doch der Verdächtige selbst war längst verschwunden. Eine parallele Operation fand an einer Adresse in der Wildenbruchstraße statt, die angeblich das Zuhause seiner Schwester war, ebenfalls ohne Erfolg. Die Strafverfolgungsbehörden haben seitdem ein Foto des hochgewachsenen, 1,90 Meter großen Mannes veröffentlicht und warnen die Öffentlichkeit, Abstand zu halten und die Notdienste anzurufen, falls sie jemanden sehen, der seiner Beschreibung entspricht – zuletzt gesehen mit einem schwarzen Kapuzenpullover und einer weißen Hose.

Die Untersuchung steht nun vor einem Gewirr ungelöster Variablen. Die Ermittler müssen noch feststellen, ob Abdul B. tatsächlich am Steuer des gemieteten Fahrzeugs saß oder ob er alleine handelte. Zeugen berichteten, ein oder mehrere Personen seien aus dem verunglückten Kleinbus geflohen, was auf eine koordinierte Aktion hindeutet. Ein Nachbar behauptete zudem, der junge Mann, der angeblich arabischer Abstammung ist, obwohl seine offizielle Nationalität unbestätigt ist, habe monatelang lautstark mit potenziellen Angriffsplänen geprahlt, während er sich über sein Leben in Deutschland beschwerte. Obwohl die Staatsanwaltschaft diesen lokalen Gerüchten noch nicht nachgegangen ist, zeichnet die bloße Andeutung, dass ein bekannter Islamist seine gewalttätigen Absichten offen verbreiten konnte, ohne dass dies ein Eingreifen auslöste, ein eher unvorteilhaftes Bild der lokalen Sicherheitsarchitektur.

Verfasst von Thorben Thiede

thorben.thiede@alpineweekly.com