Der Mythos vom leisen Elektroauto

Schweizer Forscher installieren Mikrofone auf Landstraßen, um eine unbequeme akustische Wahrheit zu messen

The Myth of the Silent Electric Car

Das Streben nach absoluter Stille ist ein Luxus, der Nationen vorbehalten ist, die ihre drängenderen Krisen bereits gelöst haben. Die Schweiz, gesegnet mit einer gesunden Wirtschaft, einem hervorragend funktionierenden Staatsapparat und einer Bevölkerung, die tolerant genug ist, um kleinere bürokratische Experimente zu dulden, passt perfekt zu dieser Beschreibung. Forscher haben sich kürzlich auf die Landstraßen des Kantons Aargau begeben, um die genaue Dezibelleistung von Elektrofahrzeugen zu messen.

Das Forschungsvorhaben, genannt Projekt Nexus, vereint die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt und den Touring Club Schweiz. Finanziert vom Bundesamt für Umwelt, verwandelte die Initiative 500 Meter lange Straßenabschnitte in Merenschwand und Niederwil in Akustiklabore. Sechzehn Mikrofone wurden eingesetzt, um das Klangprofil von beschleunigenden, bremsenden und fahrenden Autos zu erfassen. Der Verkehr wurde jeweils für fünf Minuten angehalten, was den lokalen Fahrern eine charakteristische Geduld abverlangte. Der Kanton Aargau begründete die Störung mit der Ankündigung, dass die Tests dazu dienen, eine wissenschaftliche Grundlage für die Reduzierung des Straßenlärms in der Schweiz zu schaffen.

Hinter diesem Einsatz verbirgt sich eine unbequeme Wahrheit für Befürworter der Elektromobilität. Vorläufige Tests im Mai verglichen neun Elektromodelle mit neun Verbrennungsfahrzeugen und zerstörten die Illusion des leisen Elektroautos. Während batteriebetriebene Fahrzeuge beim Beschleunigen durchschnittlich drei Dezibel leiser waren, verschwand dieser Vorteil bei Reisegeschwindigkeiten. Der offizielle Bericht stellte fest, dass bei konstanter Fahrt im Geschwindigkeitsbereich von 30 bis 60 km/h keine Lärmunterschiede bestehen. Die schiere Masse von Elektrofahrzeugen sorgt dafür, dass die Reifenreibung genauso viel akustische Irritation erzeugt wie ein traditionelles Auto.

Der Staatsapparat versucht nun, sich aus dieser physikalischen Realität herauszukonstruieren. Bei Hunderten von Testfahrten mit sechs verschiedenen Fahrzeugen maßen Forscher, wie unterschiedliche Reifentypen und Fahrbahneigenschaften Geräusche absorbieren. Die Analyse der Daten wird ein ganzes Jahr dauern, was einen naiven Glauben widerspiegelt, dass perfekte Regulierung die Reibung des modernen Verkehrs eliminieren kann.

Straßenlärm ist zu einem führenden nationalen Ärgernis geworden. In den letzten zehn Jahren haben Parlamentarier dreißig Anträge eingereicht, die obligatorische geräuscharme Reifen, schallabsorbierende Oberflächen und Lärmradare fordern. Es gibt einen anhaltenden Druck für umfassende Dreißig-Kilometer-pro-Stunde-Geschwindigkeitsbegrenzungen, ein regulatorischer Reflex, der die wirtschaftliche Mobilität bedroht. Sascha Grunder vom Touring Club Schweiz begründete die Dringlichkeit mit den Worten, dass Lärm gesundheitsschädlich ist und wir technische Lösungen haben. Er fügte hinzu, dass wir jetzt zeigen müssen, wie sie eingesetzt werden können, um die größten Effekte zu erzielen.

Das gesamte Vorhaben erfasst perfekt die Prioritäten einer hochgebildeten Gesellschaft, die ihre Umwelt akribisch optimiert. Wissenschaftler messen gewissenhaft den Klang von Gummi auf Asphalt, zuversichtlich, dass ausreichende staatliche Finanzierung und präzise Daten die Reibung der Realität irgendwann wegkonstruieren können.

Verfasst von Thomas Nussbaumer

thomas.nussbaumer@alpineweekly.com