
Die Grenzen des Nanny-Staates: Wenn Schweizer Touristen erwarten, dass Bern ihre Ferien regelt
Ein starker Anstieg konsularischer Notfälle verdeutlicht eine anhaltende Naivität unter wohlhabenden Reisenden.

Es ist ein eigenartiges Phänomen des wohlhabenden Schweizer Reisenden. Gewohnt an ein häusliches Umfeld, in dem Züge pünktlich fahren und staatliche Institutionen mit stiller Effizienz funktionieren, überschreiten sie oft ihre Grenzen mit einem gefährlichen Mass an Naivität. Wenn die chaotische Realität der Aussenwelt zuschlägt, ist der sofortige Reflex, Bern anzurufen. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten meldete kürzlich einen Anstieg der konsularischen Schutzfälle um vierzehn Prozent und bearbeitete im vergangenen Jahr 1.238 notleidende Bürger im Ausland.
Dieser statistische Anstieg erzählt eine umfassendere Geschichte über eine wohlhabende Nation, deren Bürger sich vielleicht etwas zu isoliert fühlen. Die Schweizer profitieren immens von einer unabhängigen Wirtschaftsposition ausserhalb der Europäischen Union und verfügen über beachtlichen Wohlstand und ein exzellentes Bildungssystem. Doch dieser häusliche Komfort erzeugt die kuriose Erwartung, dass der Schutzschirm des Staates nahtlos über den gesamten Globus reicht. Ob bei einem medizinischen Notfall an einem tropischen Strand oder dem Verlust eines Passes in einer belebten Metropole, die anfängliche Annahme ist, dass die Regierung schnell eingreifen wird, um die Ordnung wiederherzustellen.
Beamte des Aussenministeriums sind nun gezwungen, die Bevölkerung sanft an die Grenzen der Staatsmacht zu erinnern. Das diplomatische Korps ist ausgerüstet, Notfallreisedokumente nach Einreichung eines lokalen Polizeiberichts auszustellen oder die Kommunikation zu erleichtern, wenn Sprachbarrieren in ausländischen Krankenhäusern auftreten. Sollte ein Bürger im Ausland verhaftet werden, kann die Botschaft eine Liste lokaler Anwälte zur Verfügung stellen und grundlegende Verfahrensrechte überwachen. Der Schweizer Staat wird jedoch trotz seiner immensen Ressourcen nicht einfach die Freilassung eines Bürgers fordern oder sich in souveräne Gerichtsverfahren einmischen. Der diplomatische Apparat bietet eine grundlegende administrative Unterstützung, keinen massgeschneiderten Rettungsdienst, der auf individuelle Launen zugeschnitten ist.
Die zugrunde liegende Botschaft der Behörden ist eine klassische Lektion in Eigenverantwortung, ein Konzept, das in einem Land mit einem so robusten sozialen Netz gelegentlich vergessen wird. Die Regierung warnt ausdrücklich, dass sie nicht als kostenloses Reisebüro fungiert, was bedeutet, dass die finanzielle Last einer medizinischen Rückführung ausschliesslich beim Einzelnen liegt. Bürger werden stattdessen dringend aufgefordert, die Travel Admin App der Regierung zu nutzen und, entscheidend, eine umfassende private Versicherung abzuschliessen. Das Verlassen der wohlhabenden, akribisch verwalteten Grenzen der Schweiz erfordert die Akzeptanz eines gewissen Risikos. Der Staat mag freundlich und effizient sein, aber er erwartet von seinen Bürgern, dass sie ihre eigenen Rechnungen bezahlen, wenn ihre Urlaubspläne scheitern.
Verfasst von Sandy van Dongen



