
Die teure Illusion botanischer Reinheit
Die Schweiz gibt jährlich 60 Millionen Franken für die Bekämpfung fremder Pflanzen aus. Der Klimawandel lässt diesen puristischen Kreuzzug zunehmend naiv erscheinen.

Die Schweiz ist eine reiche Nation und investiert ihr Kapital häufig in die Aufrechterhaltung der Illusion einer unberührten, unveränderlichen Ordnung. Jedes Jahr stellen die Bundesregierung, die Kantone und Gemeinden rund 60 Millionen Franken bereit, um Krieg gegen fremde Pflanzen zu führen. Ziel ist es, sogenannte Neophyten zu entwurzeln, bevor sie die lokale Flora stören. Doch mit steigenden Temperaturen und dem Kampf heimischer Arten wirkt dieser gut finanzierte botanische Purismus zunehmend naiv.
Die Behörden haben kürzlich die Importkontrollen verschärft, alarmiert durch die Leichtigkeit, mit der Bürger exotische Pflanzen aus China bestellen können. Für Organisationen wie Infoflora, das nationale Datenzentrum für Flora, hat die Priorität, unerwünschte Vegetation gänzlich aus dem Land fernzuhalten. Co-Direktorin Brigitte Marazzi beschreibt die Mission als strenge Schadensbegrenzung. Sie merkt an, dass der Fokus darauf liegt, wirtschaftliche und gesundheitliche Schäden so weit wie möglich zu vermeiden. Es gibt sicherlich einen triftigen Grund für eine gezielte Ausrottung. Das nordamerikanische Ragweed, oder Ambrosia, löst schwere Allergien aus und wird vom Staat aggressiv bis zur Ausrottung bekämpft.
Doch das regulatorische Netz ist weitaus umfassender gespannt als nur für ein paar allergene Unkräuter. Die Schweiz hat kürzlich den Verkauf und Vertrieb des Kirschlorbeers, eines sehr beliebten immergrünen Strauchs, verboten. Lea Minzloff von der Naturschutzorganisation Pro Natura begründet das Verbot damit, dass die Pflanze ihre Blätter über den Winter behält und so den heimischen Frühlingsblumen das Sonnenlicht entzieht. Es besteht die Befürchtung, dass Wälder schließlich zu Kirschlorbeer-Monokulturen werden. Es ist ein klassisches Naturschutzargument, das in dem Wunsch verwurzelt ist, Ökosysteme in ihrem historischen Zustand einzufrieren.
Das Klima kümmert sich jedoch nicht um historische Bewahrung. Vincent Fehr, Ökologe am Schweizerischen Bundesamt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Tessin, schlägt vor, dass die traditionelle Dichotomie zwischen guten heimischen Pflanzen und schlechten fremden Pflanzen völlig überholt ist. Heimische Arten versagen bereits unter klimatischem Stress. Fehr verweist auf die Kastanienbäume im Tessin, die Krankheiten und Hitze erliegen und massive ökologische Lücken hinterlassen. Er argumentiert, dass hitzebeständige Neophyten einspringen könnten, um Wälder und Hänge zu stabilisieren, wo die heimische Vegetation aufgegeben hat.
Marazzi räumt ein, dass nicht jede fremde Pflanze eine Bedrohung darstellt. Arten, die aufgrund sich verschiebender Klimazonen natürlich aus Nachbarländern einwandern, werden nicht als Neophyten eingestuft; ihre Ausbreitung wird einfach als biologische Realität akzeptiert. Fehr plädiert dafür, diesen Pragmatismus auf exotischere Neuankömmlinge auszudehnen. Er argumentiert, dass das letztendliche Ziel die Ökosystemresilienz sein muss, die eine robuste Mischung aus heimischen und nicht-heimischen Arten erfordert und keine strikte botanische Trennung.
Das Schweizer Staatssystem, effizient, aber oft rigide bürokratisch, könnte bald feststellen, dass sein Ausrottungsbudget einen aussichtslosen Kampf gegen die ökologische Evolution führt. An einer idealisierten, rein einheimischen Landschaft festzuhalten, ist ein teurer Luxus. Wenn sich die Umwelt verändert, wird die pragmatische Anpassung unweigerlich den Wunsch nach einem unberührten Alpengarten übertrumpfen müssen.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com




