
Über der Reuss schwebend: Die pragmatische Anhebung einer historischen Brücke
Das Anheben von 350 Tonnen Stahl erfordert Fingerspitzengefühl und einen gesunden Respekt vor den hydrologischen Gegebenheiten.
Die Schweiz ist berühmt für ihre malerischen Holzbrücken, aber die wahren Arbeitspferde der nationalen Infrastruktur sind oft weniger glamouröse Stahlkonstruktionen. Die Reussbrücke in Mellingen ist ein solch nützlicher Veteran. 1928 erbaut, hat sie fast ein Jahrhundert lang die Belastungen des Schwerverkehrs ertragen. Nun erhält sie eine ziemlich dramatische Verjüngungskur, die erfordert, dass die gesamte 350 Tonnen schwere Struktur um 2,6 Meter angehoben wird.
Anfang Juli wurde die Brücke mithilfe von vier Hydraulikpressen und Stapeltürmen Zentimeter für Zentimeter angehoben. Sie ruht nun geduldig auf einem temporären Stahlgerüst. Diese vertikale Verschiebung ist keine dauerhafte architektonische Aussage, sondern eine logistische Notwendigkeit. Jahrzehnte des Verkehrs haben den Beton in einem schlechten Zustand hinterlassen, und die Stahlträger rosten. Um den fehlerhaften Korrosionsschutz zu sandstrahlen und zu ersetzen, ohne die darunter liegende Reuss zu kontaminieren, müssen die Ingenieure die Brücke in einem luftdichten Zelt einkapseln. Ein Schutznetz wurde bereits unter der Spannweite installiert, um herabfallenden Schutt aufzufangen.
An dieser engen Stelle im Kanton Aargau gab es seit etwa 1250 eine Flussüberquerung, ursprünglich als Holzkonstruktion, bevor die Anforderungen der Mobilität des zwanzigsten Jahrhunderts die heutige Stahlversion erforderlich machten. Bis vor kurzem stöhnte die Brücke täglich unter dem Gewicht von 15.000 Fahrzeugen. Die Eröffnung der Umfahrung Mellingen im Jahr 2022 hat dem Übergang glücklicherweise seine primäre arterielle Rolle genommen. Die Schliessung der Brücke für längere Renovierungsarbeiten stellt daher kaum eine Störung für die regionale Wirtschaft dar. Fussgänger und Radfahrer können einfach über den angrenzenden Städtlisteg umleiten.
Die temporäre Anhebung trägt auch einer drängenden hydrologischen Realität Rechnung. Die Reuss verengt sich in Mellingen stark, was Hochwasserereignisse zu einer ernsthaften Bedrohung für die Infrastruktur macht. Christian Birchmeier, der kantonale Projektleiter für Brückenbau, erklärte, dass während eines 30-jährigen Hochwassers der untere Teil der Brücke unter Wasser steht. Eine einfache Rückkehr der Brücke in ihre ursprüngliche Position würde zukünftige Katastrophen heraufbeschwören.
Die Überholung ist eine methodische, mehrjährige Angelegenheit. Bis August 2026 wird das bestehende Deck in Stücke geschnitten und entfernt. Sobald das Stahlgerüst innerhalb seiner Schutzhülle vollständig entrostet und neu lackiert ist, wird die Brücke im Frühjahr 2027 abgesenkt. Sie wird jedoch nicht in ihre ursprüngliche Höhe zurückkehren. Basierend auf kantonalen Simulationen wird die Struktur dauerhaft 40 Zentimeter höher als zuvor befestigt. Diese bescheidene Anpassung stellt sicher, dass der Übergang harmonisch mit der Altstadt und ihrem historischen Tor bleibt und gleichzeitig ausreichend Freiraum für zukünftige Sturzbäche bietet. Ein neues Betondeck wird das Projekt bis zum Sommer 2027 abschliessen und beweisen, dass selbst alternde Infrastruktur angepasst werden kann, um ein weiteres Jahrhundert zu überdauern.
Geschrieben von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com
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