
Nepals Tiger-Triumph birgt tödliche Nebeneffekte
Ein Anstieg der Spitzenprädatoren-Population um 20 Prozent erntet internationalen Beifall, doch ländliche Gemeinden zahlen den Preis.

Nepal ist es gelungen, eine seltene Ware in der globalen Umweltpolitik zu liefern: einen unbestreitbaren statistischen Triumph. Jüngsten Regierungszahlen zufolge beherbergt die Himalaya-Nation nun schätzungsweise 429 wilde Tiger. Dies entspricht einem Anstieg von 20 Prozent in den letzten vier Jahren. Für internationale Naturschützer ist die Entwicklung tadellos. Im Jahr 2009 beheimatete das Land lediglich 121 dieser Raubtiere. Bis 2022 war diese Zahl auf 355 gestiegen, womit Nepal als erste von dreizehn Nationen ein Versprechen aus dem Jahr 2010 erfüllte, seine Tigerpopulation zu verdoppeln.
Die jüngste Zählung, passend zum Internationalen Tag des Tigers angesetzt, war kein beiläufiges Unterfangen. Zwischen Dezember und Juli setzten Wildtierexperten über 3.600 bewegungsempfindliche Kameras in fünf Schutzgebieten der südlichen Ebenen ein, die über 7.300 Quadratkilometer abdeckten. Experten durchforsteten anschließend Tausende von Bildern und identifizierten einzelne Tiere anhand ihrer einzigartigen Streifenmuster. Das Ministerium für Nationalparks und Wildtierschutz führt dieses stetige jährliche Wachstum von fünf Prozent auf gesicherte Lebensräume zurück, wodurch die bekannte asiatische Erzählung von Entwaldung und grassierender Wilderei effektiv gestoppt wurde.
Doch ökologische Siege gehen selten ohne Nebeneffekte einher. Der internationale Beifall für Nepals Habitatreparatur übertönt eine düstere Realität vor Ort. Zwischen 2019 und 2023 zeigen Regierungsaufzeichnungen, dass mindestens 38 Menschen bei Tigerangriffen getötet wurden. Die Raubtiere benötigen riesige Territorien, und mit dem Anwachsen ihrer Zahl schwindet der Puffer zwischen Wildlebensräumen und menschlichen Siedlungen. Allein im Distrikt Bardiya ist die lokale Tigerpopulation von 18 im Jahr 2009 auf heute 112 explodiert.
Für die ländlichen Gemeinden, die am Rande dieser Schutzgebiete leben, ist der Naturschutz-Meilenstein des Staates zu einer tödlichen Belastung geworden. Lokale Fürsprecher in Bardiya weisen auf eine eklatante Asymmetrie hin: Die gleichen Dorfbewohner, die die Habitaterholung ermöglichten, sind nun auf sich allein gestellt, wenn die daraus resultierenden Spitzenprädatoren in ihre Gemeinden vordringen. Die Reaktion globaler Umweltgruppen bleibt erwartungsgemäß diplomatisch. Vertreter des WWF Nepal schlagen vor, dass zukünftige Investitionen sich auf Koexistenzprogramme konzentrieren müssen, um das gegenseitige Überleben zu sichern.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es weltweit über 100.000 Tiger, eine Zahl, die bis 2010 auf etwa 3.200 sank. Nepals aggressive Umkehr dieses Rückgangs ist unbestreitbar wirksam. Doch die Verwaltung einer sich erholenden Population von Spitzenprädatoren erfordert mehr als nur die Sicherung von Land und das Zählen von Streifen. Sie erfordert eine Neukalibrierung, wie ein Staat internationales Naturschutzprestige mit der grundlegenden Sicherheit seiner ländlichen Bürger in Einklang bringt. Das aktuelle Modell privatisiert effektiv das physische Risiko des Tigerschutzes, während es den ökologischen Ruhm verstaatlicht.
Verfasst von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
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