
High-Tech-Kies für einsame Fische im Zürichsee
Akademische Intervention versucht, Laichgründe des Seesaiblings durch gezielte Unterwassertechnik wiederzubeleben.
Von Martina Kirchner

Es brauchte den Schweizer Erfindungsgeist, um die Fischzucht in ein Präzisionsingenieurprojekt zu verwandeln. Im Zürichsee ist dem einheimischen Seesaibling – lokal als Rötel bekannt – der geeignete Lebensraum ausgegangen. Das Bundesamt für Umwelt führt die Art als gefährdet, hauptsächlich weil natürliche Sedimentablagerungen die sauberen, groben Kiesbetten begraben haben, die diese Kaltwasser-Salmoniden zum Laichen benötigen.
Anstatt die umfassenderen strukturellen Ursachen veränderter Seebodendynamiken anzugehen, hat sich die Wissenschaft für eine gezielte Intervention entschieden. Im November 2025 deponierte ein Forschungsteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) unter der Leitung des Umweltingenieurs Mathias Sigrist gezielte Schichten von unberührtem Kies in Tiefen von etwa 50 Metern bei Meilen und der Halbinsel Au. Die Logik ist einfach genug: Grober, sedimentfreier Kies schafft enge Spalten, in die Eier ausserhalb der Reichweite hungriger Quappen gleiten können, während sie eine stetige Zufuhr von sauerstoffreichem Wasser erhalten.
Um sicherzustellen, dass die Fische dem Drehbuch folgen, haben ZHAW-Student Gil Adolph und Sigrist untergetauchte Messstationen, Unterwasserdrohnen und Kameras eingesetzt, um Strömungen, Wassertemperaturen und aquatisches Leben zu überwachen. Die Ausrüstung muss perfekt aufrecht auf dem Seegrund stehen; andernfalls werden die Daten nutzlos – eine Präzisionsanforderung, die sich deutlich schweizerisch anfühlt.
Der Kanton versucht derzeit, die Populationen durch das Aussetzen von gezüchteten Jungsaiblingen in den See zu stärken. Doch künstlicher Besatz ist kein Ersatz für eine selbsterhaltende Fortpflanzung. Bislang zeigen Unterwasseraufnahmen, wie einzelne Saiblinge neugierig die frischen Kiesbetten inspizieren. Eine tatsächliche Paarung oder Eiablage wurde jedoch noch nicht registriert.
Das akademische Team bleibt optimistisch und verweist auf die tiefen, kalten Gewässer des Zürichsees als widerstandsfähiges Refugium, selbst gegen wärmere Winter. Dennoch offenbart das langfristige Design ein kurioses Paradoxon: Die natürliche Kieserneuerung findet nicht mehr von selbst statt. Um dieses künstliche Ökosystem funktionstüchtig zu halten, prognostizieren die Forschenden, dass alle vier bis fünf Jahre auf unbestimmte Zeit frischer Kies in die Tiefen gekippt werden muss. Es ist ein lösungsorientierter Ansatz zur Naturschutz, bei dem die Natur wie ein gut gewartetes Stück öffentlicher Infrastruktur instand gehalten wird.
Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com
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