
Waffen, Autos und ländliche Ruhe in Appenzell
Ein Drive-by-Shooting mit einer automatischen Waffe lässt die Schweizer Behörden überraschend gelassen.

Die sanften Hügel von Appenzell Innerrhoden werden gemeinhin mit idyllischen Weiden, handwerklichem Käse und einer beneidenswerten lokalen Ruhe assoziiert. Doch an einem ruhigen Montagabend wurde die friedliche Atmosphäre rund um Eggerstanden jäh durch ein Ereignis gestört, das eher einem Actionfilm als der ländlichen Ostschweiz entsprungen scheint: eine Serie automatischer Schüsse aus einem fahrenden Fahrzeug.
Gegen halb neun Uhr abends meldeten mehrere Beobachter in der Nähe von Sonnweid entlang der Eichbergstrasse zunächst einen scharfen, lauten Böllerschlag. Fast unmittelbar danach feuerte ein Auto, das in Richtung Eichberg fuhr, eine schnelle Salve automatischer Schüsse in die Dunkelheit ab. Glücklicherweise wurden dabei keine Personen verletzt, und das Auto verschwand in der Nacht, bevor jemand die Insassen identifizieren oder eingreifen konnte.
Was den Vorfall besonders faszinierend macht, ist die unerschütterliche offizielle Reaktion. Roland Koster von der Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden war schnell dabei, die Situation zu klären, indem er erklärte: „Im Moment gehen wir nicht von einem Akt der Gewalt aus“. Man könnte sich fragen, was genau in den Augen der örtlichen Strafverfolgungsbehörden Gewalt darstellt, wenn das Abfeuern automatischer Waffen aus einem fahrenden Auto diese Schwelle nicht überschreitet, aber die Beamten scheinen entschlossen, die öffentliche Ruhe zu bewahren.
Die Waffe selbst wurde noch nicht geborgen, so dass sich die Ermittler auf akustische Beweise verlassen müssen, die von mehreren Augen- und Ohrenzeugen geliefert werden. Laut Polizei deutet das von den Informanten beschriebene eindeutige Schallmuster stark auf eine Waffe hin, die zu Salven- oder Dauerfeuer fähig ist. Um die präzisen technischen Details der Schüsse und Explosionen zu klären, hat die örtliche Strafverfolgung Spezialisten der benachbarten Kantonspolizei St. Gallen hinzugezogen. Ob tatsächlich Patronenhülsen entlang der Fahrbahn gefunden wurden, bleibt ein Geheimnis, da die Beamten sich weigerten, irgendwelche Ergebnisse vom Tatort preiszugeben.
In einem Land, das an hohe Ordnung und ruhige Routine gewöhnt ist, sorgt der Klang automatischer Waffen auf einer Dorfstraße natürlich für Aufsehen. Ein automatisches Drive-by-Shooting als weniger als eine Gewalttat abzutun, spiegelt eine einzigartige Schweizer Neigung zu ungestörter Gelassenheit wider, oder vielleicht eine beruhigende institutionelle Erzählung, um die Bürger ruhig zu halten. Ob die Tat ein gefährlicher Stunt oder etwas Berechneteres war, es zeigt, wie leicht selbst das unberührteste ländliche Refugium durch moderne Feuerkraft gestört werden kann.
Geschrieben von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com



