Die Vergangenheit ausbaggern: Die 20-Millionen-Franken-Flussreinigung der Schweiz
Ein Jahrzehnt nach einem giftigen Chemieunfall reißen schwere Maschinen den unberührten Schweizerischen Nationalpark auf, um ihn zu retten.

Der Schweizerische Nationalpark in Graubünden soll ein Refugium unberührter Natur sein. Stattdessen gleicht er derzeit einem industriellen Bergbaubetrieb. Schwere Bagger wühlen sich durch das Spöl-Flussbett und durchbrechen die alpine Stille, um einen zehn Jahre alten chemischen Fehler zu korrigieren.
Vor zehn Jahren ging bei routinemäßigen Wartungsarbeiten am Punt dal Gall-Damm nahe dem Livigno-See erwartungsgemäß etwas schief. Arbeiter, die eine alte Rostschutzbeschichtung sandstrahlten, setzten polychlorierte Biphenyle ins Wasser frei. Nun greift die wohlhabende Alpenation tief in die Tasche und gibt 20 Millionen Schweizer Franken aus, um die Folgen aus dem Schlamm zu baggern.
Polychlorierte Biphenyle, besser bekannt als PCB, sind hochgiftig und krebserregend. Obwohl 1986 verboten, verbleibt die Substanz hartnäckig in der Umwelt und wurde historisch in Farben, Dichtstoffen und Leuchtstofflampen bevorzugt. Im Spöl-Fluss setzte sich die Chemikalie im Sediment ab und kontaminierte einen fünf Kilometer langen Abschnitt dessen, was angeblich unberührte Wildnis ist.
Die lokale Tierwelt hat den Preis dafür gezahlt. Nationalparkdirektor Ruedi Haller bestätigte, dass die Kontamination anhält, und stellte fest, dass, obwohl die Gesamtwerte gesunken sind, gelöstes PCB im Wasser verbleibt. Die Eier lokaler Wasseramseln sind verunreinigt, und die Fische weisen Toxizitätswerte auf, die sie völlig ungenießbar für den menschlichen Verzehr machen.
Das Schweizer Staatssystem, stets methodisch und gut finanziert, verbrachte Jahre mit Verhandlungen und teilweisen Aufräumarbeiten, bevor es diese massive Intervention startete. Bevor die schweren Maschinen im vergangenen April anrollen konnten, musste der Fluss von seinen Bewohnern geleert werden. Im vergangenen September wurden genau 12.000 Bachforellen herausgefischt und umgesiedelt, was den Weg für die vollständige Ausgrabung einer drei Kilometer langen Flusszone ebnete.
Die Logistik dieser Operation ist atemberaubend. Die Mannschaften entfernen 37.000 Tonnen Stein, Kies und Sand. Davon sind 10.000 Tonnen Feinsediment so hoffnungslos mit PCB verseucht, dass sie nicht gewaschen oder behandelt werden können. Diese toxische Fraktion, genug, um etwa 2.500 Lastwagen zu füllen, wird zur spezialisierten Entsorgung abtransportiert.
Der Betrieb einer Giftmülldeponie in einem strengen Naturschutzgebiet stellt eine einzigartige Reihe von physischen und bürokratischen Hürden dar. Bauleiterin Melanie Eberhard hob das enge, empfindliche Gelände und die extremen Umweltauflagen hervor, die dem Projekt auferlegt wurden – eine Premiere für den Nationalpark.
Das menschliche Element erfordert ein ebenso strenges Management. Da PCB durch die Haut aufgenommen werden kann, müssen die Arbeiter trotz körperlicher Anstrengung lange Ärmel tragen. Essen, Trinken und Rauchen sind am Arbeitsplatz strengstens verboten, um eine versehentliche Aufnahme der Chemikalie zu verhindern, was den täglichen Arbeitsablauf um eine Schicht strenger Disziplin ergänzt.
Das unmittelbare Ergebnis dieser Umweltrettungsmission ist, ironischerweise, eine totale ökologische Störung. Die Fische sind verschwunden, und die Mikrohabitate der Wasserinsekten wurden in Muldenkipper geschaufelt. Landtiere wie Gämsen und Bartgeier haben sich einfach an den mechanischen Lärm gewöhnt und beobachten den Versuch der reichen Nation, sich technisch aus einem Schlamassel zu befreien.
Haller erwartet, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis das Ökosystem seinen früheren Rhythmus wiedererlangt hat. Das ultimative Ziel ist ein sauberer Spöl-Fluss, der fließt, als ob der industrielle Unfall nie stattgefunden hätte. Die Natur, sorgfältig verwaltet und stark finanziert von einem Staat, der es sich leicht leisten kann, wird schließlich ihren Lauf wieder aufnehmen dürfen.
Geschrieben von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com




