Alaskas Tundra wird dichter und verwandelt sich in eine grünere, fremdartigere Landschaft

Was wie eine karge arktische Ebene aussieht, verwandelt sich in ein niedriges, vielschichtiges Ökosystem, da die Erwärmung Sträucher höher wachsen lässt und die Art und Weise verändert, wie der Boden Wärme, Schnee und Kohlenstoff speichert.

Alaska’s tundra is thickening into a greener, stranger landscape

Der Nordhang Alaskas hat immer noch keine Bäume, was vielleicht der erste Hinweis darauf ist, dass dies kein botanischer Triumph im üblichen Sinne ist. Aber die Tundra ist nicht länger die gefrorene, flache Weite, die viele sich vorstellen. Aus der Nähe betrachtet ähnelt sie heute eher einem Miniaturdschungel, mit Zwergbirken, Rhododendren und anderen Pflanzen, die bis zu etwa 25 Zentimeter hoch wachsen.

Das mag bescheiden klingen. In der Arktis ist es eine kleine Revolution. Die Region ist etwa 2,7 Grad Celsius wärmer als vor 40 Jahren, und die Veränderung ist hauptsächlich auf die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas zurückzuführen. Wissenschaftler sagen, dass sich die Arktis viermal schneller erwärmt als der Rest des Planeten, insbesondere im Winter, und die Vegetation reagiert, indem sie höher wächst, sich weiter ausbreitet und merklich grüner wird.

Anne Bjorkman von der Universität Göteborg in Schweden sagt, die Grundregel sei einfach: Je kälter und nördlicher man gehe, desto kleiner würden die Pflanzen. Der Winter sei das Problem. Alles, was über dem isolierenden Schnee hervorstehe, sei Kälte, Wind und hungrigen Wildtieren ausgesetzt, während der Permafrost die Wurzeln daran hindere, tief zu graben. Dieses alte Arrangement stehe nun unter Druck, und die Tundra beginne, sich auszudehnen.

Forscher an der Toolik Field Station, 320 Kilometer nördlich des Polarkreises, untersuchen, was dies für das Ökosystem bedeutet. Ein Teil der Langzeitstudien befasst sich damit, wie stark Pflanzen wachsen, wie grün die Landschaft wird und was diese Veränderungen steuert. Andere stellen eine unbequemere Frage: Konkurrieren arktische Pflanzen so brutal miteinander, wie Biologielehrbücher es nahelegen, oder ist Kooperation wichtiger als erwartet?

Die umfassenderen ökologischen Folgen sind bereits sichtbar. Höhere Sträucher fangen mehr Schnee ein, was den Boden isoliert und Mikroben ermöglichen kann, im Winter mehr Methan freizusetzen. Gleichzeitig absorbiert die dunklere Vegetation mehr Sonnenlicht als weißer Schnee, was zur Intensivierung der Erwärmung beiträgt. Wissenschaftler nennen dies Strauchvergrößerung (Shrubification), und sie scheinen es nicht als charmante lokale Eigenheit zu betrachten.

Es gibt auch einen möglichen Ausgleich. Mehr Grün kann mehr Kohlendioxid absorbieren, obwohl niemand vorgibt, dass dies den Rest sauber aufhebt. Chris Neill und Linda Deegan vom Woodwell Climate Research Center untersuchen expandierende Weidenbestände, die Bäche beschatten und die Ökologie von Fischen, Insekten und Vögeln verändern. Ihre Arbeit fragt auch, ob Ökosysteme sich unter Klimastress anpassen oder sogar genetisch entwickeln können.

Die Details sind leicht zu übersehen, wenn man nicht im Schlamm kniet. Jake Francis von der Florida Atlantic University sagt, dass die winzigen Veränderungen gerade deshalb wichtig sind, weil sie winzig, vielschichtig und leicht zu übersehen sind. Auf den schwammigen Grashügeln in der Nähe des Toolik-Sees sieht er blühende Pflanzen, Moose und Lebermoose übereinander gestapelt, ein dichtes System, das sich nicht lautstark bemerkbar macht.

Sein Team untersucht auch die Arktische Läusekraut, eine parasitische Pflanze, die Nährstoffe aus benachbarten Wurzeln zieht. Die offensichtliche Deutung ist Diebstahl. Doch Doktorand Jonathan Carcache vermutet, dass mehr dahinterstecken könnte. Ihre violetten Blüten ziehen die seltenen Hummeln an, was bedeuten könnte, dass auch benachbarte Pflanzen bestäubt werden. Um dies zu testen, verrichten Carcache und Adam Bloom die Arbeit der Bienen von Hand, in einem so mühsamen Prozess, dass er nach stundenlanger Anstrengung weniger als einen Teelöffel Pollen hervorbringt.

Die größere Lektion ist kaum romantisch, aber nützlich. In der Arktis hängt das Überleben möglicherweise weniger vom 'Winner-takes-all'-Wettbewerb ab als von unordentlichen Formen des Mutualismus. Das ist kein tröstlicher Gedanke für einen sich erwärmenden Planeten, aber er ist zumindest realistisch. Die Tundra verändert sich, und mit ihr die alte Vorstellung, dass raue Orte keinen Raum für Zusammenarbeit lassen.

Geschrieben von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com