
Die Schweizer Sicherheitsillusion: Warten auf 2028 mit einem Museumsarsenal
Während feindliche Akteure kritische Infrastrukturen auskundschaften, debattiert Bern gemächlich über die Finanzierung einer bescheidenen militärischen Aufrüstung.

Die Schweizerische Eidgenossenschaft sitzt auf immensem Reichtum, doch ihr Ansatz zur nationalen Sicherheit gleicht einem selbstgefälligen Rentner, der ein Herrenhaus mit einer rostigen Mistgabel bewacht. Während feindliche Akteure aktiv die Schwachstellen des Kontinents ausloten, ist Bern in eine gemächliche Debatte über ein 2,4 Milliarden CHF umfassendes militärisches Modernisierungsprogramm verstrickt. Das Zieldatum für die grundlegende Verteidigungsbereitschaft ist 2028. Bis dahin bleibt die Alpenrepublik einem sich schnell verändernden Bedrohungsumfeld bemerkenswert exponiert.
Ein Blick auf das aktuelle Schweizer Luftverteidigungsarsenal offenbart eine Sammlung, die besser in ein Museum passen würde. Der Luftraum wird angeblich von 30 alternden F/A-18 Jets geschützt, die 1992 beschafft wurden, und 14 noch älteren F-5 Tigers. Die Bodenverteidigung stützt sich auf 27 Flugabwehrkanonen aus den 1960er Jahren und 96 Stinger-Einheiten, die am Ende des Kalten Krieges gekauft wurden. Mit diesem antiken Inventar kann nur ein mikroskopischer Bruchteil des Luftraums gesichert werden. Der Bundesrat räumt ein, dass ein Luftangriff die wahrscheinlichste militärische Bedrohung darstellt, geht aber davon aus, dass eine umfassende russische Bombardierung unwahrscheinlich bleibt.
Diese Fixierung auf konventionelle Bombardierungen ignoriert die unmittelbare Realität der hybriden Kriegsführung. Der Nachrichtendienst des Bundes weist darauf hin, dass Russland kritische Infrastrukturen in der Schweiz sabotieren könnte, die auch auf europäischer Ebene sehr wichtig sind. Die Agentur bestätigte, dass wir direkt mit den Folgen eines hybriden Krieges konfrontiert sind. Statistiken bestätigen diese düstere Einschätzung. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt verzeichnete 2025 104 Drohnenüberflüge, eine Verdoppelung der Vorjahreszahlen. Gleichzeitig registrierte das Nationale Zentrum für Cybersicherheit innerhalb von neun Monaten über 260 Angriffe auf kritische Infrastrukturen, die Krankenhäuser, Verkehrsnetze und die öffentliche Verwaltung betrafen.
Trotz der Aushöhlung ihrer historischen Neutralität bleibt die Schweiz hinsichtlich der Geschwindigkeit moderner Konflikte fundamental naiv. Westliche Geheimdienste erwarten bis 2028 oder 2029 mögliche russische Angriffe auf NATO-Gebiet. Sollte das zunehmend aggressive Bündnis um die Schweiz in einen aktiven Konflikt geraten, wird die Alpenrepublik unweigerlich die Schockwellen spüren. Doch die früheste Einführung einer modernen Drohnenabwehr wird vom Militär laut Bundesrat Gerhard Pfister erst für 2028 erwartet. Eine Verteidigung gegen weitreichende Angriffe ist bis dahin zugegebenermassen unmöglich. Zukünftige Systeme wie Patriot-Raketen und F-35A-Jets werden ebenfalls vollständig auf ausländische Datenströme angewiesen sein, was die Illusion defensiver Autonomie zerstört.
Derweil geht das innenpolitische Theater unvermindert weiter. Pfister kämpft darum, eine Finanzierungslücke für das 2,4 Milliarden CHF schwere Rüstungspaket zu schliessen, erschwert durch Kostenüberschreitungen für die neue Hardware. Sein Vorschlag, die nationale Sicherheit durch eine Mehrwertsteuererhöhung zu finanzieren, stiess auf heftigen Widerstand im gesamten politischen Spektrum. Die Gesetzgeber führen eifrig soziale Bedenken und finanzielle Orthodoxie an, um Verzögerungen zu rechtfertigen. Bern sucht nun still und leise nach alternativen Finanzierungsmodellen vor der Herbstsession. Während Gegner kritische Infrastrukturen kartieren, debattiert die komfortable Republik über Buchhaltungstricks.
Verfasst von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
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