
Die politischen Gefahren des Wohnungspragmatismus
Andrew Braggs Vorschlag, Bauvorschriften zu streichen und die Migration zu begrenzen, zeigt eine Koalition, die mit ihren eigenen wirtschaftlichen Instinkten uneins ist.

Angesichts eines chronischen Wohnungsmangels könnte ein pragmatischer Politiker vorschlagen, dass ein unvollkommenes Zuhause einem gar nicht vorhandenen Zuhause bei Weitem überlegen ist. Der australische Schattenwohnungsbauminister Andrew Bragg hat genau diese Logik übernommen und damit vorhersehbare Empörung bei Interessenvertretungen und eine rasche Rüge von seinen eigenen politischen Vorgesetzten ausgelöst. Seine vorgeschlagene Lösung für die nationale Versorgungskrise beruht auf einem ökonomisch rationalen Konzept: Bürokratie abbauen und billigere, einfachere Wohnungen bauen.
Der liberale Senator aus New South Wales strebt eine aggressive Deregulierung an. Sein Hauptziel ist der National Construction Code, ein monolithisches Dokument von fast 2.000 Seiten, das er auf nur 80 Seiten reduzieren will. Durch die Streichung obligatorischer Anforderungen an Energieeffizienz und Barrierefreiheit könnten Entwickler einfache Häuser zu einem Bruchteil der aktuellen Kosten bauen. Auf die Frage im nationalen Radio, ob Geringverdiener Wohnungen geringerer Qualität akzeptieren sollten, antwortete Bragg bejahend. Er argumentierte, dass die Sicherung eines Dachs über dem Kopf in der menschlichen Prioritätenliste höher steht als der Besitz einer hochisolierten Immobilie. Der Schatten-Finanzminister Tim Wilson gab einen ähnlich strengen Rat und schlug vor, die Bürger könnten im Winter einen Pullover tragen, anstatt klimatisierte Wohnungen zu verlangen.
Die Wohlfahrtslobby war wenig begeistert. Organisationen wie der Australian Council of Social Services verurteilten die Deregulierungsagenda. Vertreter von Interessenverbänden argumentierten, dass Energieeffizienz und grundlegende Wohnqualität Mindestanforderungen seien, und warnten davor, dass die Senkung von Standards den Entwicklern ein Mandat zur Gewinnmaximierung gebe. Doch diese Kritik ignoriert eine grundlegende Realität: vergoldete Bauvorschriften bieten jenen wenig Trost, die vollständig vom Markt ausgeschlossen sind.
Braggs eigentlicher politischer Fehler war jedoch sein eigenmächtiger Vorstoß in die Einwanderungspolitik. Um das Wohnungsangebot mit dem Bevölkerungswachstum in Einklang zu bringen, kündigte er eine vorgeschlagene Obergrenze für die Netto-Überseemigration von 180.000 pro Jahr an. Um diese Zahl zu erreichen, wäre eine Eindämmung der Aufnahme von internationalen Studenten, Working Holiday Makers und ungelernten Arbeitskräften erforderlich.
Dieses politische 'Freelancing' legte sofortige Risse innerhalb der Koalition offen. Oppositionsführer Angus Taylor rügte seinen Schattenminister öffentlich dafür, dass er vom vereinbarten Skript abgewichen war, und stellte klar, dass das Migrationsziel zwar erheblich unter 200.000 liegen werde, aber noch keine offizielle Zahl angenommen worden sei. Die auf ländliche Gebiete ausgerichteten Nationals griffen schnell ein und schlossen jede Reduzierung von Visa für regionale Landarbeiter aus. Andere hochrangige Persönlichkeiten bemerkten ausdrücklich, dass Bragg formelle Schattenkabinettsprozesse umgangen hatte.
Bragg hat die beiden Hebel der Wohnraumkrise identifiziert: einen überregulierten Bausektor und eine Migrationsrate, die nicht mit der Infrastrukturkapazität übereinstimmt. Die Deregulierung des Marktes zur Steigerung des Angebots ist eine klassisch liberale Lösung. Doch wirtschaftlich Recht zu haben, reicht selten aus, wenn die Botschaft mit der Feinfühligkeit einer Abrissbirne übermittelt wird. Die Koalition muss diesen eigenwilligen Pragmatismus nun in eine einheitliche Plattform verwandeln.
Verfasst von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com
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