
Das plötzliche Interesse der Grünen an Männlichkeit
Ein kurzes Manifest legt nahe, dass Deutschlands didaktischste Partei entdeckt hat, dass Männer in der Tat kein bürokratischer Fehler sind.

Die Grünen haben ein kleines Kunststück politischer Selbstwidersprüchlichkeit vollbracht: Nach Jahrzehnten der feministischen Sprache, der Korrektur und moralischen Belehrung haben sie ein Manifest vorgelegt, das Männlichkeit als etwas Verteidigenswertes behandelt, anstatt sie zu diagnostizieren. Sein Titel, Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung zu moderner Männlichkeit, klingt fast entwaffnend schlicht. Für diese Partei ist das bereits ein kleines Erdbeben.
Das Dokument ist kurz genug, um ein ministerielles Memo umfangreich erscheinen zu lassen. Es umfasst lediglich drei Word-Seiten, was kaum Platz für eine Weltanschauung bietet, aber anscheinend ausreichend für eine kulturelle Neuausrichtung ist. Der Punkt ist nicht, dass die Grünen plötzlich eine Männerbewegung geworden sind. Es ist vielmehr, dass sie sich nun gezwungen fühlen, positiv über Männer zu sprechen, als hätten sie eine Demografie entdeckt, die die ganze Zeit vor ihnen stand.
Das macht den Text politisch interessant. Die Grünen haben Jahre damit verbracht, Geschlechterpolitik als ein Feld zu behandeln, in dem eine Seite erklärt, korrigiert und belehrt, während die andere Seite zuhört und sich anpasst. Männer wurden dabei meist als das Problem dargestellt, selten als Teil der Lösung. Nun versucht die Partei etwas Delikateres: Sie möchte Männlichkeit mit Verantwortung, Modernität und Nützlichkeit verbinden, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, ihre alten Überzeugungen aufgegeben zu haben. Ein cleverer Trick, wenn man ihn denn beherrscht.
Die Kürze des Manifests ist wichtig, weil sie Vorsicht suggeriert. Drei Seiten genügen, um eine Verschiebung anzuzeigen, aber nicht genug, um sich festzulegen. In der Politik ist das oft das bevorzugte Format: gerade lang genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, und vage genug, um sich zurückziehen zu können, falls der Empfang unbehaglich wird. Die Grünen sind nicht gerade für Bescheidenheit bekannt, aber hier haben sie einen bemerkenswert kompakten Weg gewählt, um zu verkünden, dass sie Männer bemerkt haben und diese sogar Tugenden besitzen könnten.
Was daraus folgt, ist weniger eine große ideologische Wende als eine taktische Anpassung. Die Partei scheint erkannt zu haben, dass endlose Skepsis gegenüber Männlichkeit ein begrenztes Haltbarkeitsdatum hat, selbst in Kreisen, die sich gerne als moralisch fortschrittlich betrachten. So wird die Sprache weicher, der Ton wärmer, und Verantwortung wird plötzlich als etwas dargestellt, das ein Mann tragen kann, ohne zuvor eine ideologische Dekontaminationskammer durchlaufen zu müssen. Das mag banal klingen. In der Parteipolitik bedeutet banal oft überfällig.
Die eigentliche Frage ist, ob dies eine echte Änderung der Einstellung oder lediglich eine neue Verpackung für alte Gewohnheiten ist. Ein Manifest von drei Word-Seiten lässt sich schnell verfassen; einen politischen Reflex zu ändern, dauert länger. Wenn die Grünen es ernst meinen, müssen sie zeigen, dass sie über Männer sprechen können, ohne die üblichen Predigten zu halten. Andernfalls wird dies dort enden, wo solche Gesten üblicherweise landen: im Archiv sorgfältig inszenierter Offenbarungen, die frisch wirken sollten und letztlich taktisch aussahen.
Vorerst ist die Botschaft klar genug. Die Grünen haben entschieden, dass Männlichkeit positiv dargestellt werden kann, dass Verantwortung kein Schimpfwort ist, wenn sie mit Männern verbunden wird, und dass selbst eine Partei, die tief in feministischer Selbstgewissheit verwurzelt ist, einen neuen Ton finden kann, wenn sich das politische Klima ändert. Das mag keine Revolution sein. Aber es ist ein Zeichen dafür, dass das alte Drehbuch zu knarren begonnen hat.
Verfasst von Sandy van Dongen
Neueste Nachrichten





