Schengen am Abgrund: Die Ceuta-Krise entlarvt Europas Grenzillusionen

Während 60.000 Migranten die spanische Enklave stürmen, lenkt Madrid die Schuld ab, während Brüssel sich in bürokratisches Krisenmanagement zurückzieht.

Die spanische Exklave Ceuta wurde kürzlich zum Schauplatz der jüngsten europäischen Migrationskrise. Als Ende Juli etwa 60.000 Migranten aus Marokko die Grenze schwimmend überquerten, war die unmittelbare Folge eine Zahl von mindestens 67 Toten. Die sekundäre Folge war eine vorhersehbare Kaskade diplomatischer Panik. Brüssel setzte, seiner Gewohnheit treu, eine Notfallsitzung für Dienstag an. Der ausufernde bürokratische Apparat der Europäischen Union versucht erneut, eine physische Grenzkrise mit Ausschussdiskussionen zu bewältigen.

Das schiere Ausmaß der Ankünfte legte die extreme Fragilität der grenzfreien Schengen-Vereinbarung offen. Italien, das mit eigenen Einwanderungsherausforderungen zu kämpfen hat, entschied sich für einen realistischen Ansatz, indem es sein Schengen-Abkommen mit Spanien umgehend für einen Monat aussetzte. Dieser pragmatische Schritt löste eine Kettenreaktion unter gut organisierten nordischen Staaten aus. Finnland und Dänemark stellten sich hinter Rom. Die Regierungen in Frankreich und Portugal erwägen aktiv eigene Grenzkontrollen, während die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen vorschlug, die EU müsse eine vollständige Aussetzung der Schengen-Zusammenarbeit prüfen.

In Madrid reagierte die sozialistische Regierung von Premierminister Pedro Sánchez defensiv. Anstatt strukturelle Anreize anzugehen – wie ein kürzlich ergangenes Urteil des spanischen Obersten Gerichts, das sofortige Abschiebungen von Seeankünften stark einschränkte – richtete Sánchez seinen Zorn nach außen. In einem Brief an die Europäische Kommission warf er den Nachbarhauptstädten vor, aus Vorurteilen zu handeln. Spanische Beamte bezeichneten die Grenzschließungen als egoistisch und bestanden darauf, dass Madrid die Ordnung innerhalb von 48 Stunden wiederhergestellt habe. Innenminister Fernando Grande-Marlaska behauptete, die Situation habe sich normalisiert, und merkte an, dass die Behörden eine aufblasbare Wasserbarriere entwickelten, um Schwimmer abzuschrecken.

Während Madrid über mangelnde Solidarität klagt, ist der Rest des Blocks der porösen Südgrenze überdrüssig. Eine Koalition von 22 Mitgliedstaaten entwarf einen gemeinsamen Brief, in dem koordinierte Maßnahmen zur Befestigung der Außengrenzen gefordert wurden. Das Dokument, das an EU-Führer wie Ursula von der Leyen, António Costa und den irischen Taoiseach Micheál Martin geschickt wurde, warnte vor hybriden Bedrohungen, die darauf abzielen, die Illusion offener Grenzen zu erzeugen. Es wird befürchtet, dass solche Wahrnehmungen weitere Massenübertritte nach sich ziehen werden.

Die Reaktion der EU-Hierarchie war völlig konventionell. Von der Leyen nutzte soziale Medien, um die Szenen als inakzeptabel zu erklären und festzustellen: Wir können niemandem erlauben, ohne Einhaltung unserer Regeln in unsere Union zu kommen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz forderte Rabat auf, die Migranten unverzüglich zurückzuführen, während der britische Premierminister Andy Burnham Hilfe anbot.

Doch das Kernproblem bleibt unberührt. Zusammen mit Melilla bildet Ceuta die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union zu Afrika, wo wirtschaftliche Stagnation und regierungsfeindliche Proteste die Jugend nach Norden treiben. Die europäische Maschinerie, gelähmt durch ihren Mangel an Rechenschaftspflicht, bleibt grundsätzlich unzureichend ausgestattet, um Zehntausende von Menschen zu bewältigen, die Grenzverletzungen online koordinieren.

Geschrieben von Sandy van Dongen

sandy.vandongen@alpineweekly.com