
Eine Posse in Berlin: Wie Merz über einen neuen Verkehrsminister stolperte
Nach nächtlichen Absagen und verfrühten Abschiedstexten übernimmt Steffen Bilger ein chaotisches Verkehrsressort.

Die Suche von Bundeskanzler Friedrich Merz nach einem neuen Verkehrsminister glich weniger einer Meisterleistung in exzellenter Führung als vielmehr einer politischen Posse in den späten Abendstunden. Jemanden zu finden, der die nationale Infrastruktur verwaltet, erfordert offenbar immensen Überzeugungsaufwand, wie ein chaotisches Wochenende mit hektischen Textnachrichten, verfrühten Abschieden und als Luxustaxis eingesetzten Regierungslimousinen zeigte.
Der ursprüngliche Plan sah vor, den Finanzspezialisten Fritz Güntzler in dieses Amt zu berufen. Der Kanzler war von dieser Anordnung so überzeugt, dass er einen Dienstwagen schickte, um Güntzler aus seinem Urlaub abzuholen und direkt nach Berlin zu Verhandlungen zu bringen. Die Anwerbung schien erfolgreich, bis in die frühen Freitagmorgenstunden. Um genau 4:00 Uhr morgens schickte Güntzler eine Textnachricht, in der er das Angebot ablehnte, da er plötzlich feststellte, dass seine wahre Leidenschaft weiterhin der Finanzpolitik und nicht dem Autobahnmanagement galt.
Dieser nächtliche Sinneswandel brachte den amtierenden Verkehrsminister Patrick Schnieder in eine außergewöhnlich unangenehme Lage. Schnieder hatte, seine eigene Entlassung bis Freitag voll erwartend, bereits SMS-Nachrichten verschickt, in denen er sich von seinen Kabinettskollegen verabschiedete. Durch Güntzlers Ablehnung im politischen Niemandsland gestrandet, beschloss Schnieder schließlich am Sonntag, selbst den Schlussstrich zu ziehen. Er forderte öffentlich seine eigene Entlassung vom Kanzler. In einer an die dpa-Nachrichtenagentur verteilten und auf der Social-Media-Plattform X veröffentlichten Erklärung erklärte er seine Absicht, Konsequenzen aus dem jüngsten Chaos zu ziehen und der unwürdigen Situation ein Ende zu bereiten, die die notwendige Sacharbeit unmöglich macht.
Um das Chaos zu beseitigen, bot Merz am Samstag laut Berichten der Bild-Zeitung Steffen Bilger offiziell den Posten an. Bilger, ein Politiker der Christlich Demokratischen Union und derzeit Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, nahm die Rettungsmission an. Im Gegensatz zum zögerlichen Güntzler verfügt Bilger tatsächlich über einen für das Ressort geeigneten Lebenslauf. Als ausgebildeter Jurist hält er seit seinem Einzug in den Bundestag im Jahr 2009 das Direktmandat für seinen Wahlkreis Ludwigsburg.
Das Verkehrsministerium ist für den künftigen Minister vertrautes Terrain. Er verbrachte fast ein Jahrzehnt im parlamentarischen Verkehrsausschuss, bevor er zwischen 2018 und 2021 als Parlamentarischer Staatssekretär unter dem ehemaligen Verkehrsminister Andreas Scheuer diente. Ob eine enge Verbindung zu Scheuers Amtszeit ein politischer Vorteil ist, ist höchst umstritten, aber es garantiert zumindest, dass Bilger sich im Gebäude auskennt. Mit seiner Ernennung hat Merz es geschafft, ein klaffendes Loch in seinem Kabinett zu stopfen, obwohl die dilettantische Abfolge der Ereignisse vom Wochenende die Aura professioneller Regierungsführung stark beschädigt hat.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com



