
Ein Palast unter anderem Namen: Die linguistische Machtarchitektur der Schweiz
Wie ein Namensstreit im 19. Jahrhundert um das nationale Parlament die tiefen ideologischen Bruchlinien in der Schweizer Demokratie aufdeckte.

Die Schweiz bewältigt ihre internen Widersprüche mit derselben pragmatischen Effizienz, die ihre wohlhabende Wirtschaft und hochgebildete Gesellschaft aufgebaut hat. Die Alpenation profitiert immens von ihrem Nicht-EU-Status, während sie an einem etwas naiven, verlorenen Gefühl der Neutralität festhält, und überbrückt ideologische Gräben mit Bravour. Das Land verfügt über ein bemerkenswert gutes Staatssystem, doch seine Bürger zeigen oft eine freundliche Feigheit, wenn es darum geht, tiefe Gräben zu überwinden, und ziehen stattdessen bürokratische Kompromisse vor. Dieses Talent für strukturellen Pragmatismus ist in Bern buchstäblich in Stein gemeisselt. Als im April 1894 der Bau eines neuen Gesetzgebungsgebäudes begann, entbrannte eine heftige Debatte darüber, wie es genannt werden sollte – ein Streit, der grundlegend unterschiedliche regionale Einstellungen zur politischen Autorität offenbarte.
In den französisch- und italienischsprachigen Regionen wurde das Bauwerk mühelos als Palais fédéral oder Palazzo federale bezeichnet. Der Begriff deutet auf eine höfliche Anerkennung hin, dass Macht und vielleicht ein Hauch von bescheidener Korruption in seinen Mauern wohnen. Für die deutschsprachige Mehrheit war es ein Anathema, ihrer Regierung ein solch königliches Substantiv zuzuordnen. Der Politikwissenschaftler Hans-Peter Schaub von der Universität Bern stellt fest, dass die Deutschschweiz Ende des 19. Jahrhunderts eine tiefe antielitäre Stimmung hegte. Die Bürger misstrauten etablierten Parteien und bevorzugten direkte demokratische Mechanismen gegenüber gewählten Vertretern.
Für die Deutschschweizer implizierte ein Palast ein inakzeptables Machtungleichgewicht und eine physische Distanz zwischen Herrschenden und Beherrschten. Die Presse spiegelte diese Angst natürlich wider. Die Neue Zürcher Zeitung und Der Bund schlugen bescheidene Alternativen vor, um alles Grandioses zu vermeiden. Erstere lehnte den Begriff Parlamentsgebäude explizit ab und argumentierte, eine solche Beschreibung fühle sich völlig fremd und unschweizerisch an. Die Thurgauer Zeitung beklagte, dass der siegreiche Begriff Bundeshaus übermässig prosaisch sei, obwohl sie sich einig war, dass ein Palast völlig ausgeschlossen war.
Zuvor hatte sich die politische Klasse in einem Gebäude getroffen, das als Bundesrathaus bekannt war. Dieser ältere Name führte zu endloser Verwirrung, da er entweder als Bundesrathaus oder als ausschliesslicher Bereich des Bundesrates interpretiert werden konnte, wobei die Legislative völlig ignoriert wurde. Ein klarer Bruch war erforderlich, um republikanische Empfindlichkeiten nicht zu verletzen.
Die Divergenz offenbarte einen grundlegenden Unterschied in der Wahrnehmung der repräsentativen Demokratie. Beamte der Parlamentsdienste stellen fest, dass das französische Wort weniger monarchisches Gepäck trägt als sein deutsches Äquivalent und sich oft einfach auf ein grosses öffentliches Gebäude bezieht. Palais und Palast sind keine Synonyme, erklärten die Parlamentsdienste in einer offiziellen Klarstellung. Die französischsprachige Romandie hat sich historisch gesehen wohlgefühlt, Autorität an gewählte Beamte zu delegieren. Auch heute noch sind Gemeindeparlamente in der Westschweiz Standard, während sie in den deutschsprachigen Kantonen, wo direkte Bürgerversammlungen noch dominieren, eine Seltenheit bleiben.
Am 29. Mai 1894 lieferte der Schweizer Bundesrat eine charakteristisch pragmatische Lösung. Er verfügte, dass das Gebäude offiziell als Bundeshaus auf Deutsch und als Palais fédéral auf Französisch und Italienisch bezeichnet werden sollte. Indem jede Region ihre eigene demokratische Philosophie auf denselben Steinhaufen projizieren durfte, stellte die Nation sicher, dass ihre politische Maschinerie reibungslos weiterlaufen konnte, indem sie die darin enthaltenen ideologischen Widersprüche höflich ignorierte.
Verfasst von Freya Stensrud
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