
Der Achtzig-Milliarden-Euro-Reflex
Wenn Washington die Stirn runzelt, wendet sich Kiew an Brüssel für einen weiteren Scheck – und die europäische Bürokratie ist nur allzu bereit, ihn auszustellen.

Wenn in Washington politische Spannungen aufkommen, führt der Weg des geringsten Widerstands direkt nach Brüssel. Nach einem öffentlichen Zerwürfnis mit US-Präsident Donald Trump über gelockerte russische Sanktionen und Angriffe auf Ölraffinerien traf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beim Gipfeltreffen des Europäischen Rates mit einer präzisen Forderung ein: 70 Milliarden Euro zusätzliche Militär- und Finanzhilfe für das kommende Jahr.
Der Zeitpunkt der Petition spiegelt die sich wandelnden geopolitischen Realitäten wider. Die Beziehungen zwischen Washington und Kiew verschlechterten sich, nachdem die US-Regierung im Rahmen eines Diesel-Lieferabkommens die Sanktionen gegen Moskau gelockert hatte. Als Reaktion auf nachfolgende ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien äußerte Trump öffentlich seinen Frust mit Kiew und erklärte, dass der Umgang mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin weniger strittig sei. Diese diplomatischen Spannungen wurden durch technische Störungen des von SpaceX bereitgestellten Starshield-Satellitensystems verstärkt, das die ukrainische Schlachtfeldkommunikation vorübergehend beeinträchtigte, bevor die Wiederherstellung des Dienstes begann.
Erwartungsgemäß reagierte der europäische Institutionenapparat schnell, um die Aussicht auf erhöhte Ausgaben zu befürworten. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, erklärte, dass die 70 Milliarden Euro Lücke gedeckt werden müsse, woraufhin die Kommission einen weiteren Finanzierungsvorschlag ausarbeitete. Diese Bereitschaft, astronomische Summen zu absorbieren, passt zu einem bekannten Muster in Brüssel, wo die institutionelle Macht durch immer größere Finanzinstrumente ohne entsprechende fiskalische Rechenschaftspflicht wächst. Die EU verwaltet bereits ein Kreditprogramm von 90 Milliarden Euro, das bis 2027 laufen soll, doch ukrainische Beamte berichten, dass die wirtschaftlichen Schäden durch russische Bombardierungen erhebliche Haushaltsdefizite hinterlassen.
Die Debatte hat erwartungsgemäß Forderungen nach der Beschlagnahme von rund 200 Milliarden Euro an eingefrorenen russischen Zentralbankvermögen wiederbelebt. Der lettische Premierminister Andris Kulbergs gehörte zu den lautstärksten Befürwortern der Beschlagnahmung dieser Gelder, was die harte Haltung Rigas gegenüber Moskau widerspiegelt. Belgien jedoch, dessen Verwaltungsapparat die überwiegende Mehrheit dieser immobilisierten Gelder überwacht, widersetzt sich weiterhin diesem Schritt und verdeutlicht die Reibungen, die den europäischen Konsensbildungsprozess regelmäßig begleiten.
Ob die europäischen Steuerzahler letztendlich die Rechnung begleichen werden, bleibt eine offene Frage für die Mitgliedstaaten. Der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz signalisierten, dass ihre Regierungen den Antrag vor Jahresende prüfen würden. Doch während Washington seine außenpolitischen Verpflichtungen neu kalibriert, scheint der EU-Apparat darauf bedacht zu sein, sich als Standardbürge des Konflikts zu etablieren, ungeachtet seiner eigenen fragilen wirtschaftlichen Grundlagen oder des Fehlens einer klaren langfristigen Strategie.
Geschrieben von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com




