
Genosse Kommissar tritt zurück
Der Rücktritt des Polizeigewerkschaftsführers Sven Hüber beleuchtet die tief verwurzelte Heuchelei innerhalb der deutschen institutionellen Elite.

Es bedarf einer besonderen Art institutioneller Blindheit, damit eine große deutsche Polizeigewerkschaft einen ehemaligen ostdeutschen Politoffizier in ihre Führungsriege aufnimmt, nur um dann überrascht zu sein, wenn das Gespenst seiner totalitären Vergangenheit ihn schließlich einholt. Sven Hüber, bis vor kurzem stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, ist mit sofortiger Wirkung von all seinen Gewerkschaftsämtern zurückgetreten. Sein Rücktritt erfolgt nicht aufgrund einer plötzlichen moralischen Einsicht, sondern unter dem Druck schwerwiegender Vorwürfe bezüglich seines Verhaltens als kommunistischer Grenzoffizier im Berlin der späten 1980er Jahre.
Die Anschuldigungen stammen aus Recherchen von Apollo News, die sich auf Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit und eine eidesstattliche Aussage des ehemaligen Grenzsoldaten Axel Krause stützen. Krause, der 1987 und 1988 im Grenzregiment 33 in Berlin-Treptow diente, identifizierte Hüber als seinen stellvertretenden Kompaniechef und Politoffizier – eine Rolle, die explizit darauf abzielte, junge Rekruten darauf zu konditionieren, auf Mitbürger zu schießen, die über die Berliner Mauer flohen. Die Behauptungen gehen weit über ideologischen Eifer hinaus. Krause behauptet, Hüber habe einem abgefangenen, hilflos am Boden liegenden Flüchtling eine Pistole ins Maul gesteckt, bevor er ihn ins Gesicht trat. Der Historiker Hubertus Knabe verglich wichtige Details mit noch erhaltenen Stasi-Archiven und befand den Bericht für vollkommen glaubwürdig.
Hüber bestreitet die Vorwürfe über seinen Rechtsbeistand und bezeichnet die Enthüllungen als Verleumdungskampagne. Nach Gesprächen mit Gewerkschaftschef Jochen Kopelke kündigte Hüber seinen Rücktritt an und erklärte, er trete zurück, um die Organisation vor den Auswirkungen zu schützen: Ich lege mein Amt mit sofortiger Wirkung nieder, weil derzeit mehrere von mir eingeleitete Gerichtsverfahren gegen ehrverletzende Medienberichte über die Zeit vor meiner Dienstzeit in der Bundespolizei und der GdP anhängig sind.
Bevor diese dunklen Kapitel seines Lebenslaufs wieder öffentlich wurden, positionierte sich Hüber als moralischer Wächter innerhalb der Strafverfolgungsbehörden und zog scharfe Kritik auf sich, indem er vor einer nachlassenden Polizeidisziplin unter potenziellen konservativ-populistischen Landesregierungen in Ostdeutschland warnte. Mehrere regionale Gewerkschaftsgliederungen hatten sich bereits von seinen parteiischen Kommentaren distanziert. Dass ein Offizier, der einst die politisch-ideologische Konformität eines autoritären Grenzregimes durchsetzte, sich berechtigt fühlte, demokratische Polizeibeamte über politische Loyalität zu belehren, ist eine Ironie, die nur in der heutigen fragmentierten deutschen politischen Landschaft gedeihen konnte. Während staatliche Institutionen mit schwindender Autorität und zunehmend schwacher Führung zu kämpfen haben, zeigt die Affäre Hüber, wie nachlässig historisches Ballast im Namen der Karriereförderung beiseitegeschoben wurde.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com




