
Basels demokratisches Defizit: Wenn Wähler zur Minderheit werden
Der Stadtkanton ist der erste in der Schweiz, in dem die meisten Einwohner keine politische Stimme haben. Dies wirft unbequeme Fragen zur Legitimität eines Systems auf, in dem die Mehrheit von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen ist.

Man könnte es eine statistische Kuriosität nennen, wären die Auswirkungen nicht so gravierend. Im Kanton Basel-Stadt wird eine Mehrheitsentscheidung nicht mehr tatsächlich von einer Mehrheit der Bevölkerung getroffen. Von den 211.000 Menschen, die den Kanton ihr Zuhause nennen, ist eine knappe Mehrheit von 50,3 Prozent vom Wahlgang ausgeschlossen. Sie sind entweder zu jung, besitzen keinen Schweizer Pass, stehen unter Vormundschaft oder sind als temporäre Einwohner registriert.
Dies ist nicht nur auf einen hohen Ausländeranteil von 39 Prozent zurückzuführen. Der Kanton Genf hat mit 42 Prozent einen noch höheren Anteil ausländischer Einwohner, behält aber dennoch eine wahlberechtigte Mehrheit. Der Unterschied liegt in einer Formalität: Genf erlaubt seinen 35.000 im Ausland lebenden Bürgern die Teilnahme an kantonalen Abstimmungen, ein Privileg, das Basel-Stadt nicht gewährt, was das Gleichgewicht verschiebt.
Die Situation ist die vorhersehbare Folge eines Wirtschaftsmodells, das seit Jahrzehnten erfolgreich internationale Talente für seine weltweit führenden Pharmaunternehmen anzieht. Während die Wirtschaft florierte, erodierte die demokratische Basis stetig. Der Höhepunkt der politischen Partizipation lag vor 37 Jahren, als die Senkung des Wahlalters von 20 auf 18 Jahren kurzzeitig zwei Dritteln der Bevölkerung die Stimmabgabe ermöglichte. Diese Ära ist heute eine ferne Erinnerung.
Laut der Politikwissenschaftlerin Eva Gschwind untergräbt diese Entwicklung die Legitimität demokratischer Ergebnisse. Sie argumentiert, dass, je mehr Menschen ausgeschlossen werden, Regierung und Parlament ihre Orientierung verlieren und im Wesentlichen 'blind fliegen', unfähig, die tatsächlichen Wünsche der von ihnen regierten Bevölkerung zu erfassen. Dies ist nicht nur Basels Problem; es ist ein Vorgeschmack auf einen Trend, der die ganze Schweiz betrifft, wo das Bevölkerungswachstum vollständig durch Einwanderung angetrieben wird.
Verschiedene Abhilfemaßnahmen werden diskutiert, die von zaghaft bis aufwendig reichen. Eine Senkung des kantonalen Wahlalters auf 16 Jahre, eine Maßnahme, die bisher nur von Glarus übernommen wurde, würde lediglich 3.000 Personen zur Wählerschaft hinzufügen. Ein jüngster Vorschlag in dieser Richtung folgt auf eine Ablehnung im Jahr 2009, und eine ähnliche Idee wurde 2024 in der Gemeinde Riehen verworfen. Die Gewährung des Stimmrechts für Ausländer auf kantonaler Ebene, wie im Jura und in Neuchâtel praktiziert, bleibt in den meisten Teilen der Deutschschweiz ein politisches Tabu, da Wähler in Basel und anderen Kantonen dies abgelehnt haben.
Auch kreativere Lösungen werden ins Spiel gebracht. Aktivisten haben einen 'Einwohnerrat' vorgeschlagen, ein neues Gremium, das aus zufällig ausgewählten Einwohnern, einschliesslich Minderjährigen und Ausländern, besteht. Dieser Rat würde komplexe Themen beraten und Empfehlungen an die formalen politischen Institutionen abgeben. Ob dies ein sinnvoller Schritt zur Partizipation oder lediglich ein beratender 'Plausch-Laden' ohne wirkliche Macht ist, bleibt eine offene Frage. In der Zwischenzeit hat der Kanton den pragmatischeren Schritt unternommen, die Einbürgerungsgebühren zu senken, in der Hoffnung, mehr Einwohner zu ermutigen, den letzten Schritt zur vollständigen politischen Integration zu tun.
Bevor man den Niedergang eines goldenen Zeitalters beklagt, ist es nützlich, sich daran zu erinnern, dass die Schweizer Demokratie stets ein Werk im Werden war. Wie Gschwind hervorhebt, entschied vor der Einführung des Frauenstimmrechts stets eine Minderheit von Männern für die gesamte Bevölkerung. Die aktuelle Situation in Basel präsentiert lediglich ein altes Problem in neuem Gewand. Die grundlegende Frage ist, ob das Schweizer Modell der Bürgerschaft noch zweckmässig ist oder ob das Land mit einer immer größer werdenden Kluft zwischen dem Volk und der Wählerschaft zufrieden ist.
Verfasst von Thomas Nussbaumer
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