Volkswagens schleichender Kollaps trifft auf Vorstandslähmung

Ein massiver Gewinneinbruch im zweiten Quartal 2026 offenbart die fatalen Kosten europäischer Industriebürokratie und eines aufstrebenden chinesischen Elektrofahrzeugsektors.

Die Finanzblutung bei Volkswagen ist nicht länger nur eine Aneinanderreihung schlechter Quartale, sondern verfestigt sich zusehends zu einer Strukturkrise. Im zweiten Quartal 2026 verzeichnete der Wolfsburger Automobilhersteller einen Rückgang des Nachsteuergewinns um fast 33 Prozent auf lediglich 1,54 Milliarden Euro. Die weltweiten Fahrzeugauslieferungen schrumpften um fast neun Prozent auf 2,08 Millionen Einheiten. Das wahre Epizentrum dieses Unternehmensbebens liegt jedoch in China, wo die Verkaufszahlen um mehr als ein Drittel auf 424.300 Fahrzeuge fielen. Für ein Unternehmen, das den chinesischen Markt einst als seine persönliche Gelddruckmaschine betrachtete, ist die aktuelle Realität düster.

Dieser Kollaps ist weder plötzlich noch unvorhersehbar. Der chinesische Immobiliensektor steckt in einem lang anhaltenden Abschwung, der deflationäre Druck freisetzt, der das Haushaltsvermögen schwer getroffen hat. Chinesische Verbraucher zögern entweder größere Anschaffungen hinaus oder geben Premium-Marken aus Europa zugunsten aggressiv bepreister heimischer Elektrofahrzeuge auf. Folglich ist der Einzelhandelsmarktanteil der Joint Ventures von Volkswagen mit den staatlichen Unternehmen FAW und SAIC Motor auf lediglich 10,9 Prozent geschrumpft, ein starker Rückgang gegenüber den 15,1 Prozent im Jahr 2022.

Die Wurzel des Problems reicht weit über eine vorsichtige chinesische Verbraucherbasis hinaus. Chinesische Hersteller profitieren von drastisch niedrigeren Energiekosten, billigeren Arbeitskräften und einem regulatorischen Umfeld, das frei von den erstickenden bürokratischen Auflagen ist, die die europäische Industriepolitik prägen. Volkswagen Group CEO Oliver Blume hat diesen strukturellen Nachteil kürzlich im ZDF dargelegt und festgestellt, dass die Kostenstruktur des Unternehmens in Deutschland und Europa gegenüber chinesischen Wettbewerbern einfach nicht wettbewerbsfähig ist. Im Gespräch mit Reuters plädierte er für politische Intervention und erklärte: „Wir brauchen gleiche Wettbewerbsbedingungen, nicht mehr und nicht weniger.“

Unglücklicherweise für Blume sind die Wettbewerbsbedingungen völlig verzerrt, und der Schmerz ist kumulativ. Die Katastrophe des zweiten Quartals folgt auf einen Gewinneinbruch von 28,4 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres 2026. Die weitere Entwicklung ist noch alarmierender: Die Nachsteuergewinne brachen 2024 um 31 Prozent ein und sanken 2025 um weitere 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro. Der operative Gewinn halbierte sich im vergangenen Jahr praktisch.

Angesichts dieser existenziellen Bedrohung erarbeitete das Management einen drakonischen Sparplan, der bis 2030 den Abbau von 50.000 deutschen Arbeitsplätzen vorsieht. Die Kernmarke Volkswagen würde mit 35.000 Kürzungen den Großteil tragen, während Tochtergesellschaften wie Audi und Porsche den Rest absorbieren würden. Interne Pläne, wie vom Spiegel berichtet, sahen die Schließung von vier inländischen Werken vor: Zwickau und Emden bis 2031, der Nutzfahrzeugstandort Hannover bis 2032 und das Audi-Werk Neckarsulm bis 2034. Diese Schließungen würden etwa 40.000 Arbeitnehmer betreffen.

Doch eine Krise zu erkennen und sie lösen zu dürfen, sind im deutschen Unternehmensökosystem zwei sehr unterschiedliche Dinge. Mitte Juli rebellierte der Aufsichtsrat aktiv gegen das umfassende Sparprogramm und lehnte die Werksschließungen rundweg ab. Blume ist nun gezwungen, vage Alternativen zur Schließung unrentabler Fabriken zu prüfen. Während chinesische Wettbewerber die globalen Märkte mit billigen, effizient produzierten Fahrzeugen überschwemmen, bleibt Volkswagen durch eine toxische Mischung aus hohen europäischen Produktionskosten und internen Stakeholdern gelähmt, die sich weigern zu akzeptieren, dass die Ära der aufgeblähten Gehaltslisten vorbei ist.

Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com