
Ein Vierteljahrhundert Aktenwege: Was die deklassifizierten CIA-Berichte wirklich zeigen
Die Veröffentlichung von 71 täglichen Briefings des Präsidenten aus der Zeit vor dem 11. September legt die zeitlose Lücke zwischen dem Sammeln und dem Verstehen von Informationen offen.

Bürokratien haben die eigenartige Angewohnheit, eine verspätete Rechenschaftslegung als Akt der Großzügigkeit zu tarnen. Ein Vierteljahrhundert nachdem fast 3.000 Menschen bei den Anschlägen vom 11. September ums Leben kamen, hat die Central Intelligence Agency 71 tägliche Briefings des Präsidenten freigegeben. CIA-Direktor John Ratcliffe charakterisierte die Veröffentlichung der 101 Seiten – die den Zeitraum von Februar 1998 bis zum 12. September 2001 abdecken – als einen Akt außergewöhnlicher Transparenz. Was die Veröffentlichung tatsächlich beleuchtet, ist eine gut dokumentierte Spur von sich ansammelnden Warnungen, die staatliche Sicherheitsorgane nicht synthetisieren konnten.
Das neu veröffentlichte Material zeigt, dass die amerikanische Führung lange vor 2001 wiederholt auf Osama bin Ladens Ambitionen aufmerksam gemacht wurde. Bereits im Februar 1998 verfolgten Geheimdienstbriefings Al-Qaidas Streben nach chemischen, biologischen und radiologischen Waffen, wobei spätere Berichte von 1999 Experimente mit Sprengstoffen für radiologische schmutzige Bomben detaillierten. Bis September 1998 informierten Analysten das Weiße Haus, dass bin Ladens bevorzugte Strategie darin bestand, innerhalb der Vereinigten Staaten zuzuschlagen, und identifizierten Washington explizit als Hauptziel.
Warnungen bezüglich der Flugsicherheit waren gleichermaßen drastisch. Nach den Botschaftsattentaten in Ostafrika im Jahr 1998 – die das FBI schnell Al-Qaida zuordnete – wurde in einem Briefing-Memo vermerkt, dass bin Ladens Netzwerk ein mit Sprengstoff beladenes Flugzeug in eine inländische Stadt fliegen könnte. Bis Dezember desselben Jahres berichtete ein Memo mit dem Titel Bin Laden bereitet Flugzeugentführungen und andere Angriffe in den USA vor, dass Operative eine Entführungsschulung absolviert und bei einem Probelauf an einem unbekannten New Yorker Flughafen erfolgreich Sicherheitskontrollen umgangen hatten.
Als die Präsidentschaft von Bill Clinton auf George W. Bush überging, verstärkte sich die Kadenz dieser Warnungen nur noch. Die Briefings detaillierten ausländische diplomatische Hürden, einschließlich einer Bewertung vom April 1998, die erklärte, dass die Taliban bin Laden aufgrund seiner Unterstützung während der sowjetischen Besetzung Afghanistans zwischen 1979 und 1989 als Ehrengast betrachteten, was sie unwillig machte, seine Operationen einzuschränken. Bis zum Sommer 2001 wurden die Warnungstitel immer direkter, einschließlich des berühmten Berichts vom 6. August über bin Ladens Entschlossenheit, auf amerikanischem Boden zuzuschlagen.
Obwohl diese Dokumente rohen Originaltext und nicht die synthetisierten Zusammenfassungen liefern, die Jahrzehnte zuvor von der 9/11-Kommission erstellt wurden, ändern sie wenig an der grundlegenden Erzählung. Sie bieten keinerlei Unterstützung für populäre Verschwörungstheorien, die staatliche Mitschuld oder genaue Vorkenntnisse der Anschläge behaupten. Stattdessen präsentieren sie eine Fallstudie institutionellen Versagens: eine Geheimdienstmaschine, die jedes zerstreute Detail einer drohenden Gefahr erfassen kann, aber hoffnungslos unfähig ist, diese zusammenzufügen, bevor es zu spät war.
Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com




