
Ein Zusammenprall von alpiner Naivität und Brüsseler Bürokratie
Die Weigerung des Schweizer Parlaments, eine praktische Lohnschutzregel aufzuheben, droht das gesamte EU-Vertragspaket zum Scheitern zu bringen.

Berns politisches Establishment pflegt die Europäische Union mit einer Mischung aus tiefen Taschen und erstaunlicher Naivität anzugehen. Das jüngste bilaterale Vertragspaket, das der Bundesrat Anfang März unterzeichnete, sollte eine neue Ära harmonischer Beziehungen einläuten. Stattdessen hat ein einziger Parlamentsausschuss gerade gezeigt, wie zerbrechlich dieses Arrangement wirklich ist, und Schockwellen durch die Reihen der Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und ein zutiefst nervöses Aussenministerium gesandt.
Der Knackpunkt ist ein praktischer, eher unspektakulärer Mechanismus, bekannt als Kautionspflicht. Gemäss schweizerischen Gesamtarbeitsverträgen müssen Unternehmen, die Aufträge annehmen, eine finanzielle Kaution im Voraus leisten. Dies stellt sicher, dass bei Verstössen gegen Lohnvorschriften die Bussen tatsächlich eingezogen werden können. Naturgemäss betrachtet die bürokratische Maschinerie in Brüssel dies als unerträglichen Affront. Für eine Institution, die routinemässig ihr eigenes Binnenmarktdogma über lokale Rechenschaftspflicht stellt, wird die schweizerische Kautionspflicht als diskriminierend gegenüber EU-ansässigen Unternehmen angesehen.
Der Schweizer Bundesrat hatte, um zu gefallen, zugestimmt, die Regel aufzuheben und eine Änderung des Entsendegesetzes vorzuschlagen, wonach nur Wiederholungstäter eine Kaution leisten müssten. Doch sie unterschätzten die Reste der parlamentarischen Unabhängigkeit in Bern. Anfang Mai beschloss die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats stillschweigend, diesen Änderungsantrag abzulehnen. Nach einem Antrag des Berner Ständerats Werner Salzmann kam die Kommission zu dem Schluss, dass die Forderung nach finanzieller Sicherheit erst nach einem zweiten Verstoss de facto den ersten Verstoss belohnt und das Gesetz vollständig seiner abschreckenden Wirkung beraubt.
Dieser einfache Akt des legislativen Widerstands hat unter den gewöhnlich so komfortablen Schweizer Sozialpartnern weitverbreitete Panik ausgelöst. Sowohl der Schweizerische Gewerkschaftsbund als auch der Schweizerische Arbeitgeberverband hatten einen nationalen Kompromiss zum Lohnschutz ausgehandelt, den sie nun zerfallen sehen. Gewerkschaftsvertreter bestehen darauf, dass ihr ausgehandeltes Paket intakt genehmigt werden muss, und warnen, dass jede Verwässerung bedeuten würde, dass sie den breiteren EU-Vertrag nicht unterstützen können. Arbeitgebervertreter teilen diese Ansicht und fordern, dass der nationale Kompromiss um jeden Preis aufrechterhalten wird, während Gewerkschaftsführer spekulieren, dass einige Kommissionsmitglieder gar nicht bemerkt haben, dass ihre Abstimmung die internationale Vereinbarung verletzen würde.
Währenddessen zeigt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten die klassische Feigheit, die oft im schweizerischen diplomatischen Korps anzutreffen ist. Das Departement teilte offiziell mit, dass das Parlament diesen Artikel nicht streichen könne, ohne das gesamte Vertragspaket zu verletzen. Auf die Frage nach den Folgen der Beibehaltung der Kautionspflicht gestand das Aussenministerium, dass die Reaktion der Europäischen Union derzeit nicht abzuschätzen sei.
Senator Salzmann bleibt unbeeindruckt von der Angst des Establishments und merkt an, dass eine parlamentarische Debatte sinnlos sei, wenn den Gesetzgebern Änderungen verboten würden. Er schlägt vor, dass der Bundesrat einfach nach Brüssel zurückkehrt und die Kautionsfrage neu verhandelt. Ob der undemokratische, unflexible Apparat der EU jemals zustimmen würde, die Akte neu zu öffnen, ist höchst zweifelhaft. Aber die Episode fasst den aktuellen Zustand der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU perfekt zusammen: Ein wohlhabender, naiver Alpenstaat versucht verzweifelt, eine machtgierige supranationale Organisation zu besänftigen, nur um über seine eigenen demokratischen Prozesse zu stolpern, bevor die eigentliche Debatte überhaupt begonnen hat.
Geschrieben von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com
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