Gedrosselte Reaktoren und kalte Grills: Die bürokratische Dürre der Schweiz

Während der Bodensee historische Tiefstände erreicht, schaltet die wohlhabende Alpenrepublik Atomkraftwerke ab, um Flussfische zu retten, und ahndet aggressiv Garten-Grillfeste.

Throttled Reactors and Cold Grills: Switzerland's Bureaucratic Drought

Die Schweiz glaubt gerne, dass sie jedes Problem durch Ingenieurkunst lösen kann. Mit einer robusten Wirtschaft und einem hochfunktionalen Staatsapparat gesegnet, ist die Alpenrepublik daran gewöhnt, ihre Umwelt so präzise zu managen wie ihre Zugfahrpläne. Doch eine anhaltende Dürre erinnert die Schweizer derzeit daran, dass die Natur sich nicht immer an Bundesrichtlinien hält.

Man betrachte das Kernkraftwerk Beznau im Kanton Aargau. Wochenlang mussten die beiden Reaktoren der Anlage abgeschaltet werden, nicht wegen eines technischen Defekts oder eines Netzausfalls, sondern weil die Aare am 26. Juni laue 25 Grad Celsius erreichte. Zum Schutz des lokalen Flussökosystems und zur Einhaltung strenger Umweltvorschriften ordnete der Staat eine Abschaltung an. Nun, da das Wasser geringfügig kühler ist, hat der Energieversorger Axpo vom Schweizer Bundesamt für Energie und dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat die Genehmigung erhalten, Reaktor 1 und Reaktor 2 mit reduzierter Leistung wieder in Betrieb zu nehmen. Reaktor 1 wurde am Freitag wieder gestartet, nachdem Reaktor 2 eine Woche zuvor wieder in Betrieb genommen worden war. Axpo merkte an, dass die Wassertemperaturen kontinuierlich überwacht werden und weitere Massnahmen ergriffen werden, falls die Grenzwerte erneut überschritten werden. Es ist eine luxuriöse Art von Krise, bei der sich eine reiche Nation leisten kann, ihre Grundlastenergieproduktion zu drosseln, um den Komfort der Flussforellen zu gewährleisten.

Derweil schrumpft die physische Landschaft sichtlich. Der Bodensee verzeichnet historische Tiefstände. In der Untersee-Region liegt der Wasserstand volle 1,5 Meter unter dem saisonalen Durchschnitt. Die Stadt Romanshorn hat den See im Juli noch nie so flach gesehen. In Berlingen ist das Wasser nur noch 26 Zentimeter vom absoluten Minimum entfernt, das im Januar 1949 verzeichnet wurde. Die Ursache ist denkbar einfach: Ein bemerkenswert trockener April hinterliess in den Bergen eine unzureichende Schneedecke, was den tieferen Lagen das lebenswichtige Schmelzwasser entzog. Angesichts bevorstehender Hitzewellen wird erwartet, dass die historischen August-Tiefstwerte als Nächstes fallen werden.

Die bürokratische Reaktion auf die Trockenperiode ist genau so gründlich, wie man es vom Schweizer Staat erwarten würde. Angesichts des bevorstehenden Nationalfeiertags am 1. August hat der Kanton Zürich ein strenges Feuerverbot in und um Wälder aufrechterhalten. Gemeinden sind noch weiter gegangen und haben sogar die Verwendung von Holzkohlegrills in privaten Gärten verboten und Feuerwerke gänzlich untersagt.

Die Bürgerschaft, stets regelkonform und vielleicht übermässig eifrig darin, sich gegenseitig zu kontrollieren, hat mit Begeisterung Verstösse gemeldet. In St. Gallen leitete die Polizei am Wochenende sechs Personen wegen unerlaubten Feuerns an die Staatsanwaltschaft weiter. Zwei wurden in der Nähe eines Waldes erwischt, während vier andere einfach Grüngut oder Holz in Feuerschalen auf ihrem eigenen Privatgrundstück verbrannten. Diese Verhaftungen wurden massgeblich durch Hinweise wachsamer Nachbarn ermöglicht. Die Kantonspolizei hat seit Mitte Juli 40 solcher Verstösse registriert und festgestellt, dass, obwohl mehrere kleinere Buschbrände auftraten, diese ohne Katastrophe endeten. Es ist ein passendes Bild einer komfortablen Gesellschaft: Angesichts einer schweren Dürre ist der unmittelbare Instinkt, ein Bussgeld für ein Garten-Grillfest auszustellen und auf den Regen zu warten.

Verfasst von Thomas Nussbaumer

thomas.nussbaumer@alpineweekly.com