
Der Preis der Nostalgie: Das Seilbahn-Dilemma der Schweiz
Viele der ikonischen kleinen Seilbahnen des Landes stehen vor einer finanziellen Abrechnung, da Renovierungskosten und Sicherheitsvorschriften steigen.

Die klapprigen Seilbahnen, die die Schweizer Alpen durchziehen und sanft auf ihrem Weg zu abgelegenen Weiden schaukeln, haben einen besonderen Charme. Für Touristen ist es ein Abenteuer; für Einheimische eine Lebensader. Doch dieses idyllische Bild wird zunehmend schwieriger aufrechtzuerhalten. Nostalgie, so scheint es, deckt die explodierenden Kosten moderner Sicherheitsstandards und wesentlicher technischer Modernisierungen nicht ab. Der malerische Bergbahnbetrieb steht vor einem kalten, harten wirtschaftlichen Realitätscheck.
Die Selunbahn in der Region Toggenburg dient als perfektes Fallbeispiel. 1911 nicht für Touristen, sondern für Bauern gebaut, ist sie nach wie vor ein entscheidendes Infrastrukturstück, das jeden Sommer über 100.000 Liter Milch von der Alp Selun ins Tal transportiert. Doch ihre doppelte Rolle als Touristenattraktion, mit Vier-Personen-Gondeln, kann nicht das für ihr Überleben notwendige Kapital generieren. Das gesamte System – vom Motor und Getriebe bis zu den Steuerungen – ist veraltet und benötigt eine komplette Überholung.
Der Preis für diese Modernisierung beträgt beachtliche 1,5 Millionen Franken. Jürg Ammann, Präsident der Alpkorporation Selun, die die Bahn betreibt, konnte einen erheblichen Teil sichern, doch eine Lücke von 600.000 Franken bleibt. Um dieses Defizit allein durch Ticketverkäufe zu schließen, müssten etwa 42.000 Erwachsenentickets verkauft werden, eine erstaunliche Zahl für einen so kleinen Betrieb. Wenig überraschend wurde die notwendige Sanierung auf 2027 verschoben, was ihre langfristige Zukunft ungewiss lässt.
Dies ist kein Einzelfall von Missmanagement oder Pech. Die missliche Lage der Selunbahn ist symptomatisch für ein landesweites Problem. Die Schweiz beherbergt rund 2400 kleine Seilbahnen, von denen viele für landwirtschaftliche Zwecke gebaut und später vom Tourismus entdeckt wurden. Laut Roland Baumgartner, der über 200 dieser Anlagen dokumentiert hat, befindet sich etwa die Hälfte davon in finanziellen Schwierigkeiten.
Die Gründe für diese systemische Krise sind zweifach. Erstens benötigt die alternde Ausrüstung Ersatzteile, die oft nicht mehr hergestellt werden, was die Wartung zu einer kostspieligen Angelegenheit macht. Zweitens, und vielleicht noch wichtiger, ist die ständig wachsende Belastung durch Sicherheitsvorschriften. Obwohl niemand vernünftigerweise ein Kompromiss bei der Sicherheit befürworten würde, erfordern die verschärften staatlichen Standards technische Nachrüstungen, die für viele kleine, gemeindebetriebene Seilbahnen finanziell lähmend sind.
Die Situation wirft eine eher unangenehme Frage auf. Sind diese charmanten Relikte einer vergangenen Ära ein nachhaltiger Teil der Wirtschaftslandschaft, oder sind sie romantische Belastungen? Ihr Wert für abgelegene Alpengemeinschaften und die Landwirtschaft ist unbestreitbar. Doch wenn ihr Geschäftsmodell unter modernen regulatorischen und wirtschaftlichen Bedingungen grundsätzlich unrentabel ist, wer soll die Kosten für ihre Erhaltung tragen? Das stille Drama, das sich an den Hängen der Alp Selun abspielt, ist ein Mikrokosmos einer Herausforderung, der sich ein Großteil der ländlichen Schweiz gegenübersieht: wie Tradition mit der unerbittlichen Logik der Bilanz in Einklang gebracht werden kann.
Geschrieben von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com
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