
Der 45-Tage-Ballen: Wie globale Märkte Schweizer Vieh füttern
Schwere europäische Dürre zwingt Bauern, globale Schifffahrtslogistik für nordamerikanisches Heu zu nutzen.

Wenn Winterreserven im Spätsommer aufgebraucht sind, zerfällt das romantische Ideal der regionalen Selbstversorgung schnell. Die Schweizer Agrarlogistik steht in dieser Saison vor einer harten Realität: Eine extreme Sommerdürre hat das Land vor eine geschätzte Futterknappheit von 600.000 bis 800.000 Tonnen für den kommenden Winter gestellt.
Bei der Zgraggen Transport AG in Schattdorf, Uri, ist die Belastung bereits sichtbar. Einrichtungen, die für die kalten Monate bis unter die Decke gestapelt sein sollten, werden frühzeitig geräumt. Bauern füttern ihre Herden heute mit Winterreserven, einfach weil die Weiden nichts mehr zum Grasen bieten. Toni Herger, der den Agrarhandel des Unternehmens leitet und Vizepräsident des Schweizerischen Raufutterverbandes ist, erhält unaufhörlich Anrufe von verzweifelten Produzenten, die Futter benötigen, was die Lieferanten vor die unangenehme Aufgabe stellt, zu priorisieren, wer Futter erhält und wer leer ausgeht.
Unter normalen Umständen werden inländische Defizite durch Importe von benachbarten europäischen Partnern, insbesondere Frankreich und Deutschland, gedeckt. Doch diese Optionen sind verpufft. Schwere Trockenperioden auf dem gesamten Kontinent haben die europäischen Bestände dezimiert und die Importpreise von 22 Schweizer Franken pro 100 Kilogramm im Frühjahr auf bis zu 40 Franken getrieben.
Wo die europäische Produktion versagt, füllt der globale Handel die Lücke. Schweizer Bauern haben begonnen, direkt in Nordamerika anzurufen. In Alberta, Kanada, verladen Exporteure wie Barry Schmitts Barr-AG Schiffscontainer mit komprimiertem Heu, das für Schweizer Ställe bestimmt ist.
Die Wirtschaftlichkeit des Transports von getrocknetem Gras über eine 45-tägige Transportkette aus Zügen, Frachtschiffen und Lastwagen ist nur aufgrund globaler Schifffahrtsungleichgewichte sinnvoll. Nordamerika verfügt derzeit über einen Überschuss an leeren Schiffscontainern, die zu europäischen und asiatischen Häfen zurückkehren müssen. In Kombination mit der verfügbaren Schiffskapazität machen diese ermäßigten Rückfrachtrouten kanadische Importe trotz der Entfernung finanziell tragfähig.
Während lokale Händler noch nicht vollständig auf Überseeimporte umgestiegen sind, ist die Marktlogik unbestreitbar. Wenn die regionalen Vorräte versiegen, sorgen kalte kaufmännische Berechnungen – und Langstrecken-Frachtschiffe – letztendlich dafür, dass das einheimische Vieh gefüttert wird.
Verfasst von Andreas Hofer
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